DER GROSSE KONFLIKT
Inhalt
Einleitung
Ehe die Sünde in die Welt kam, erfreute sich Adam
eines freien Verkehrs mit seinem Schöpfer; aber seit der Mensch sich
durch die Übertretung von Gott trennte, wurde ihm dies hohe Vorrecht
entzogen. Durch den Erlösungsplan wurde jedoch ein Weg geöffnet, durch
den die Bewohner der Erde noch immer mit dem Himmel in Verbindung
treten können. Gott hat mit den Menschen durch seinen Geist verkehrt
und der Welt göttliches Licht vermittels der Offenbarungen an seine
erwählten Knechte mitgeteilt. „Die heiligen Menschen Gottes haben
geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“ (2. Petr. 1, 21.)
Während der ersten 2500 Jahre der menschlichen
Geschichte gab es keine geschriebene Offenbarung. Die von Gott gelehrt
worden waren, teilten ihre Erkenntnis anderen mit, und sie pflanzte
sich vom Vater auf den Sohn durch die kommenden Geschlechter fort. Die
Herstellung des geschriebenen Wortes begann zur Zeit Moses, und zwar
wurden die vom Geiste Gottes eingegebenen Offenbarungen zu einem
inspirierten Buch vereinigt. Dies geschah 1600 Jahre lang, von Mose,
dem Geschichtschreiber der Schöpfung und der Gesetzgebung an, bis auf
Johannes, den Schreiber der erhabensten Wahrheiten des Evangeliums.
Die Bibel bezeichnet Gott als ihren Urheber, und doch
wurde sie von Menschenhänden geschrieben und zeigt auch in dem
eigenartigen Stil ihrer verschiedenen Bücher die besonderen Züge der
jeweiligen Verfasser. Ihre offenbarten Wahrheiten sind alle von Gott
eingegeben (2. Tim. 3, 16), gelangen aber in menschlichen Worten zum
Ausdruck. Der Unendliche hat durch seinen Heiligen Geist den Verstand
und das Herz seiner Knechte erleuchtet. Er hat Träume und Gesichte,
Symbole und Bilder gegeben, und diejenigen, denen die Wahrheit auf
solche Weise offenbart wurde, haben die Gedanken in menschliche Sprache
gekleidet.
Die Zehn Gebote wurden von Gott selbst gesprochen und mit seiner
eigenen Hand geschrieben. Sie sind von Gott und nicht von Menschen
verfaßt. Aber die Bibel mit ihren von Gott eingegebenen, in
menschlicher Sprache ausgedrückten Wahrheiten stellt eine Verbindung
des Göttlichen mit dem Menschlichen dar. Eine solche Vereinigung
bestand in Christus, welcher der Sohn Gottes und des Menschen Sohn war.
Mithin gilt dasselbe von der Bibel, was von Christus geschrieben steht:
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh. 1, 14.)
In verschiedenen Zeitaltern und von Menschen
geschrieben, die dem Rang und der Beschäftigung, dem Verstand und den
Geistesgaben nach sehr ungleich waren, bieten die Bücher der Bibel
nicht nur eine große Verschiedenheit im Stil, sondern auch in der Natur
der entfalteten Gegenstände dar. Die verschiedenen Schreiber bedienen
sich verschiedener Ausdrucksweisen; oft wird die gleiche Wahrheit von
dem einen nachdrücklicher betont als von dem andern. Und da mehrere
Schreiber einen Gegenstand von verschiedenen Gesichtspunkten und
Beziehungen betrachten, mag der oberflächliche, nachlässige oder mit
Vorurteil erfüllte Leser da Ungereimtheiten oder Widersprüche sehen, wo
der nachdenkende, andächtige Forscher mit klarerer Einsicht die
zugrunde liegende Übereinstimmung erblickt.
Da die Wahrheit von verschiedenen Persönlichkeiten
vorgeführt wird, sehen wir sie auch von ihren verschiedenen
Gesichtspunkten aus. Der eine Schreiber steht mehr unter dem Eindruck
von der einen Seite des Gegenstandes; er erfaßt die Punkte, welche mit
seiner Erfahrung übereinstimmen oder in dem Maße, wie er sie begreift
oder würdigt; ein anderer nimmt sie von einer anderen Seite auf, aber
jeder stellt das dar, was unter der Leitung des Geistes Gottes auf sein
eigenes Gemüt den stärksten Eindruck macht, und so hat man in jedem
eine bestimmte Seite der Wahrheit und doch eine vollkommene
Übereinstimmung in allem. Und die auf diese Weise offenbarten
Wahrheiten verbinden sich zu einem vollkommenen Ganzen, das den
Bedürfnissen der Menschen in allen Umständen und Erfahrungen des Lebens
angepaßt ist.
Es hat Gott gefallen, der Welt die Wahrheit durch
menschliche Werkzeuge mitzuteilen, und er selbst hat vermittels seines
Heiligen Geistes die Menschen befähigt, dies Werk zu verrichten. Er hat
die Gedanken geleitet in der Wahl dessen, was zu reden oder zu
schreiben war. Der Schatz war irdischen Gefäßen anvertraut worden, ist
aber nichtdestoweniger vom Himmel. Das Zeugnis wird vermittels der
unvollkommenen Ausdrücke der menschlichen Sprache getragen und ist
dennoch das Zeugnis Gottes, und das gehorsame, gläubige Gotteskind
sieht darin die Herrlichkeit einer göttlichen Macht, voller Gnade und
Wahrheit.
In seinem Wort hat Gott den Menschen die zur
Seligkeit nötige Erkenntnis übergeben. Die Heilige Schrift soll als
eine maßgebende, rechtskräftige, untrügliche Offenbarung seines Willens
angenommen werden. Sie ist der Maßstab des Charakters, der Kundgeber
der Vorschriften, der Prüfstein der Erfahrung. „Alle Schrift, von Gott
eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur
Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen,
zu allem guten Werk geschickt.“ (2. Tim. 3, 16. 17.)
Doch hat die Tatsache, daß Gott seinen Willen dem
Menschen durch sein Wort offenbart hat, die beständige Gegenwart und
Leitung des Heiligen Geistes nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil,
unser Heiland verhieß den Heiligen Geist, damit dieser seinen Knechten
das Wort eröffne, dessen Lehren beleuchte und anwende. Und da der Geist
Gottes die Bibel eingab, ist es auch unmöglich, daß die Lehren des
Geistes dem Wort je entgegen sein können.
Der Geist wurde nicht gegeben und kann auch nie dazu
mitgeteilt werden, um die Bibel zu verdrängen; denn die Schrift erklärt
ausdrücklich, daß das Wort Gottes der Maßstab ist, an welchem alle
Lehren und jede Erfahrung geprüft werden müssen. Der Apostel Johannes
sagt: „Glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister,
ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen
in die Welt.“ (l. Joh. 4, 1.) Und Jesaj a erklärt: ja, nach dem Gesetz
und Zeugnis! Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte
nicht haben." (Jes. 8, 20.)
Große Schmach ist auf das Werk des Heiligen Geistes
geworfen worden durch die Irrtümer etlicher Menschen, welche
beanspruchen, von ihm erleuchtet zu sein und behaupten, einer weiteren
Führung des Wortes Gottes nicht mehr zu bedürfen. Sie lassen sich von
Eindrücken leiten, die sie für die Stimme Gottes in der Seele annehmen;
aber der Geist, der sie beherrscht, ist nicht der Geist Gottes. Ein
solches Befolgen der Gefühle, wodurch die Heilige Schrift
vernachlässigt wird, kann nur zu Verwirrung, Täuschung und Verderben
führen. Da das Amt des Heiligen Geistes für die Gemeinde Christi von
höchster Wichtigkeit ist, gehört es auch zu den listigen Anschlägen
Satans, durch die Irrtümer der Überspannten und Schwärmer Verachtung
auf das Werk des Geistes zu werfen und das Volk Gottes zu veranlassen,
diese Quelle der Kraft, welche uns der Herr selbst vorgesehen hat, zu
vernachlässigen.
In Übereinstimmung mit dem Worte Gottes sollte der
Heilige Geist sein Werk während der ganzen Zeit der Gnadenhaushaltung
des Evangeliums fortsetzen. Während der Zeit, da die Schriften des
Alten und Neuen Testamentes gegeben wurden, hörte der Heilige Geist
nicht auf, außer den Offenbarungen, welche dem heiligen Buche
einverleibt werden sollten, auch die Seelen einzelner zu erleuchten.
Die Bibel selbst berichtet, daß Menschen durch den Heiligen Geist
Warnungen, Tadel, Rat und Belehrungen empfingen in Angelegenheiten, die
in keiner Beziehung zur Ubermittlung der Heiligen Schrift standen, und
zu verschiedenen Zeiten werden Propheten erwähnt, über deren Aussprüche
nichts verzeichnet steht. Gleicherweise sollte, nachdem der Kanon der
Schrift abgeschlossen war, der Heilige Geist auch weiterhin sein Werk,
zu erleuchten, zu warnen und Gottes Kinder zu trösten, fortsetzen.
Jesus verhieß seinen Jüngern: „Aber der Tröster, der
Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird
euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt
habe.“ „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird
euch in alle Wahrheit leiten, ... und was zukünftig ist, wird er euch
verkündigen.“ (Joh. 14, 26; 16, 13.) Die Schrift lehrt deutlich, daß
diese Verheißungen, weit davon entfernt, auf die Zeit der Apostel
beschränkt zu sein, für die Gemeinde Christi in'allen Zeiten gelten.
Der Heiland versichert seinen Nachfolgern: "Siehe, ich bin bei euch
alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28, 20), und Paulus erklärt,
daß die Gaben und Kundgebungen des Geistes der Gemeinde gegeben worden
seien, damit „die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Amts,
dadurch der Leib Christi erbaut werde, bis daß wir alle hinankommen zu
einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener
Mann werden, der da sei in dem Maße des vollkommenen Alters Christi.“
(Eph. 4, 12. 13.)
Für die Gläubigen zu Ephesus betete der Apostel: „Der
Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch
den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis
und erleuchtete Augen eures Verständnisses, daß ihr erkennen möget,
welche da sei die Hoffnung eurer Berufung, und ... welche da sei die
überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, die wir glauben.“ (Eph. 1,
17-19.) Das Amt des Geistes Gottes in der Erleuchtung des
Verständnisses und dem Auftun der Tiefen der Heiligen Schrift war der
Segen, welchen Paulus auf die Gemeinde zu Ephesus herabflehte.
Nach der wunderbaren Ausgießung des Heiligen. Geistes
am Pfingsttage ermahnte Petrus das Volk zur Buße und Taufe im Namen
Christi zur Vergebung ihrer Sünden und sagte: „So werdet ihr empfangen
die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euer und eurer Kinder ist diese
Verheißung und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr,
herzurufen wird.“ (Apg. 2, 38. 39.)
Im unmittelbaren Zusammenhang mit den Begebenheiten
des großen Tages Gottes hat der Herr durch den Propheten Joel eine
besondere Offenbarung seines Geistes verheißen. (Joel 3, 1.) Diese
Prophezeiung erhielt eine teilweise Erfüllung in der Ausgießung des
Heiligen Geistes am Pfingsttage; aber sie wird ihre volle Erfüllung in
der Offenbarung der göttlichen Gnade erreichen, weiche das Schlußwerk
des Evangeliums begleiten wird.
Der große Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen wird
an Heftigkeit zunehmen bis ganz ans Ende der Zeit. Zu allen Zeiten
offenbarte sich der Zorn Satans gegen die Gemeinde Christi; und Gott
hat seinem Volk seine Gnade und seinen Geist verliehen, um es zu
stärken, damit es vor der Macht des Bösen bestehen könne. Als die
Apostel das Evangelium in die Welt hinaustragen und es für alle Zukunft
berichten sollten, wurden sie besonders mit der Erleuchtung des Geistes
ausgerüstet. Wenn sich aber der Gemeinde Gottes die schließliche
Befreiung naht, wird Satan mit größerer Macht wirken. Er kommt herab
„und hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat.“ (Offb. 12,
12.) Er wird „mit allerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und
Wundern“ wirken. (2. Thess. 2, 9.) 6000 Jahre lang hat jener mächtige
Geist, einst der höchste unter den Engeln Gottes, es völlig auf
Täuschung und Verderben abgesehen, und alle dadurch erlangte satanische
Kunst und Verschlagenheit, alle in diesem jahrhundertelangen Ringen
entwickelte Grausamkeit werden in dem letzten Kampf gegen Gottes Volk
ins Feld geführt werden. In dieser gefahrvollen Zeit sollen die
Nachfolger Christi der Welt die Botschaft von der Wiederkunft des Herrn
bringen; ein Volk muß zubereitet werden, das bei seinem Kommen
"unbefleckt und unsträflich“ vor ihm stehen kann. (2. Petr. 3, 14.) Zu
dieser Zeit bedarf die Gemeinde der besonderen Gabe der göttlichen
Gnade und Macht nicht weniger als in den Tagen der Apostel.
Durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes sind mir,
der Verfasserin dieser Seiten, die Ereignisse des langanhaltenden
Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen offenbart worden. Etliche Male
wurde es mir gestattet, den großen Kampf zwischen Christus, dem Fürsten
des Lebens, dem Herzog unserer Seligkeit, und Satan, dem Fürsten des
Bösen, dem Urheber der Sünde, dem ersten Übertreter des heiligen
Gesetzes Gottes, in verschiedenen Zeitaltern zu schauen. Satans
Feindschaft gegen Christum hat sich gegen dessen Nachfolger bekundet.
Derselbe Haß gegen die Grundsätze des Gesetzes Gottes, dieselben
trügerischen Pläne, durch welche der Irrtum als Wahrheit erscheint,
menschliche Gesetze an Stelle des Gesetzes Gottes gebracht und die
Menschen verleitet werden, eher das Geschöpf als den Schöpfer
anzubeten, können in der ganzen Geschichte der Vergangenheit verfolgt
werden. Satans Bemühungen, den Charakter Gottes verkehrt darzustellen,
um die Menschen dahinzubringen, eine falsche' Vorstellung von dem
Schöpfer zu hegen und ihn daher eher mit Furcht und Haß als mit Liebe
zu betrachten, seine Anstrengungen, das göttliche Gesetz beiseite zu
setzen und das Volk glauben zu machen, daß es von dessen Anforderungen
frei sei; sein Verfolgen derer, die es wagen, sich seinen Täuschungen
zu widersetzen, lassen sich in allen Jahrhunderten deutlich nachweisen.
Sie können in der Geschichte der Patriarchen, Propheten und Apostel,
der Märtyrer und Reformatoren wahrgenommen werden.
In dem letzten großen Kampf wird Satan dieselbe
Klugheit anwenden, denselben Geist bekunden und nach demselben Ziel
streben wie in allen vergangenen Zeiten. Was gewesen ist, wird wieder
sein, ausgenommen daß sich der kommende Kampf durch eine so
schreckliche Heftigkeit kennzeichnet, wie sie die Welt noch nicht
gesehen hat. Satans Täuschungen werden schlauer, seine Angriffe
entschlossener sein. Wenn es möglich wäre, würde er selbst die
Auserwählten verführen. (Mark. 13, 22.)
Als mir durch den Geist Gottes die großen Wahrheiten
seines Wortes und. die Ereignisse der Vergangenheit und der Zukunft
erschlossen wurden, erhielt ich den Auftrag, anderen bekanntzumachen,
was mir offenbart worden war, nämlich die Geschichte des Kampfes in der
Vergangenheit zu verfolgen und sie besonders so darzustellen, daß
dadurch Licht. auf den rasch herannahenden Kampf der Zukunft geworfen
werde. In Verfolgung dieser Absicht habe ich mich bestrebt, Ereignisse
aus der Kirchengeschichte zu wählen und auf solche Weise
zusammenzustellen, daß sie die Enticklung der großen prüfenden
Wahrheiten zeigen, welche zu verschiedenen Zeiten der Welt gegeben
wurden, die den Zorn Satans und die Feindschaft einer verweltlichten
Kirche erregten und die durch das Zeugnis derer aufrechterhalten
werden, welche „nicht haben ihr Leben geliebt bis an den Tod.“
In diesen Berichten können wir ein Bild des uns
bevorstehenden Kampfes erblicken. Wenn wir sie in dem Licht des Wortes
Gottes und durch die Erleuchtung seines Geistes betrachten, können wir
unverhüllt die Anschläge des Bösen und die Gefahren sehen, welchen alle
ausweichen müssen, die beim Kommen des Herrn „unsträflich" erfunden
werden wollen.
Die großen Ereignisse, welche den Fortschritt der
Reformation in vergangenen Jahrhunderten kennzeichneten, sind
wohlbekannte und von der protestantischen Welt allgemein anerkannte
geschichtliche Tatsachen, die niemand bestreiten kann. Diese
Schilderung habe ich in Übereinstimmung mit dem Zweck des Buches und
der Kürze, welche notwendigerweise beobachtet werden mußte, deutlich
dargestellt und so weit zusammengedrängt, wie es zu einem richtigen
Verständnis ihrer Anwendung möglich war. In etlichen Fällen, wo ein
Geschichtschreiber die Ereignisse so zusammengestellt hat, daß sie in
aller Kürze einen gedrängten Überblick über den Gegenstand gewährten,
oder wo er die Einzelheiten in passender Weise zusammenfaßte, sind
seine Worte angeführt worden; aber in einigen Fällen wurden keine Namen
erwähnt, da sie nicht in der Absicht angeführt wurden, den betreffenden
Schreiber als Autorität hinzustellen, sondern weil seine Aussagen eine
treffende und kraftvolle Darstellung des Gegenstandes boten. In der
Beschreibung der Erfahrungen und der Ansichten derer, welche das
Reformationswerk in unserer Zeit vorwärtsführen, wurde von ihren
veröffentlichten Werken ein ähnlicher Gebrauch gemacht.
Es ist nicht so sehr der Zweck dieses Buches, neue
Wahrheiten über die Kämpfe früherer Zeiten zu bringen, als Tatsachen
und Grundsätze hervorzuheben, welche einen Einfluß auf kommende
Ereignisse haben. Jedoch erlangen diese Berichte über die
Vergangenheit, angesehen als ein Teil des Kampfes zwischen den Mächten
des Lichts und der Finsternis, eine neue Bedeutung, und durch sie
scheint ein Licht auf die Zukunft und erleuchtet den Pfad derer, welche
selbst auf die Gefahr hin, aller irdischen Güter verlustig zu gehen,
wie die früheren Reformatoren berufen werden, Zeugnis abzulegen „um des
Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi.“
Der Zweck dieses Buches ist, die Begebenheiten des
großen Kampfes zwischen Wahrheit und Irrtum zu beschreiben, Satans
listige Anschläge und die Mittel, durch welche wir ihm erfolgreich
widerstehen können, zu offenbaren, eine befriedigende Lösung des großen
Problems der Sünde zu geben, indem ein derartiges Licht über den
Ursprung und die schließliche Abrechnung mit allem Bösen gegeben wird,
daß dadurch die Gerechtigkeit und die Güte Gottes in all seinem Handeln
mit seinen Geschöpfen völlig offenbar werde, sowie die heilige,
unveränderliche Natur seines Gesetzes zu zeigen. Daß durch den Einfluß
des Buches Seelen von der Macht der Finsternis befreit und Teilhaber
werden am „Erbe der Heiligen im Licht" zum Lobe dessen, der uns geliebt
und sich selbst für uns dahingegeben hat, ist mein ernstliches Gebet.
E.G.W. Healsdburg, Cal., Mai, 1888.
KAPITEL 1
DIE ZERSTÖRUNG JERUSALEMS
„Wenn
doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden
dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit
über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit
dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängsten;
und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum
daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ (Luk.
19, 42-44.)
Vom
Gipfel des Ölberges herab schaute Jesus auf Jerusalem. Lieblich und
friedvoll war die vor ihm ausgebreitete Szene. Es war die Zeit des
Passahfestes, und von allen Ländern hatten sich die Kinder Jakobs
versammelt, um dies große Nationalfest zu feiern. Inmitten von Gärten,
Weinbergen und grünen, mit Zelten der Pilger besäten Abhängen, erhoben
sich die terrassenförmig abgestuften Hügel, die stattlichen Paläste und
massiven Bollwerke der Hauptstadt Israels. Die Tochter Zions schien in
ihrem Stolz zu sagen: „Ich sitze als eine Königin,... und Leid werde
ich nicht sehen;“ So anmutig war sie und wähnte sich der Gunst des
Himmels sicher, wie ehedem der königliche Sänger, da er ausrief: „Schön
ragt empor der Berg Zion, des sich das ganze Israel tröstet; ... die
Stadt des großen Königs.“ (Offb. 18, 7; Ps. 48, 3.) Gerade vor seinen
Augen lagen die prächtigen Gebäude des Tempels; die Strahlen der
sinkenden Sonne erhellten das schneeige Weiß seiner marmornen Mauern
und leuchteten von dem goldenen Tor, dem Turm und der Zinne. In
vollendeter Schönheit stand Zion da, der Stolz der jüdischen Nation.
Welches Kind Israels konnte bei diesem Anblick ein Gefühl der Freude
und der Bewunderung unterdrücken! Aber weit andere Gedanken
beschäftigten das Gemüt Jesu. „Als er nahe hinzukam, sah er die Stadt
an und weinte über sie.“ (Luk. 19, 41.) Inmitten der allgemeinen Freude
des triumphierenden Einzuges, während Palmzweige ihm entgegenwehten,
fröhliche Hosiannarufe von den Hügeln widerhallten und Tausende von
Stimmen ihn zum König ausriefen, überwältigte den Welterlöser ein
plötzlicher und geheimnisvoller Schmerz. Er, der Sohn Gottes, der
Verheißene Israels, dessen Macht den Tod besiegt und seine Gefangenen
aus den Gräbern hervorgerufen hatte, weinte - keine Tränen eines
gewöhnlichen Wehes, sondern eines heftigen, unaussprechlichen
Seelenschmerzes.
Christi
Tränen flossen nicht um seinetwillen, obgleich er wohl wußte, wohin
sein Weg ihn führte. Vor ihm lag Gethsemane, der Schauplatz seines
bevorstehenden Seelenkampfes. Das Schaftor war ebenfalls sichtbar,
durch welches seit Jahrhunderten die Schlachtopfer geführt worden
waren, und das sich auch vor ihm auftun sollte, wenn er „wie ein Lamm
zur Schlachtbank geführt“ (Jes. 53, 7) würde. Nicht weit entfernt lag
Golgatha, die Stätte der Kreuzigung. Auf den bald zu betretenden Pfad
mußten die Schatten großer Finsternis fallen, da Christus seine Seele
zu einem Sühnopfer für die Sünde geben sollte. Doch war es nicht die
Betrachtung derartiger Szenen, die in dieser Stunde der allgemeinen
Fröhlichkeit den Schatten auf ihn warf. Keine Vorahnungen seiner
eigenen übermenschlichen Angst trübten das selbstlose Gemüt. Er
beweinte das Los der Tausenden in Jerusalem, die Blindheit und
Unbußfertigkeit derer, die er zu segnen und zu retten gekommen war.
Gottes
besondere Gunst und Fürsorge, die sich über tausend Jahre dem
auserwählten Volke offenbart hatte, lagen offen vor dem Blick Jesu.
Dort erhob sich der Berg Morija, wo der Sohn der Verheißung, ein
widerstandsloses Opfer, auf den Altar gebunden worden war (l. Mose 22,
9) - ein Sinnbild der Aufopferung des Sohnes Gottes. Dort war der Bund
des Segens, die glorreiche messianische Verheißung, dem Vater der
Gläubigen bestätigt worden. (l. Mose 22, 16-18.) Dort hatten die gen
Himmel aufsteigenden Flammen des Opfers in der Tenne Omans das Schwert
des Würgengels abgewandt (l. Chr. 21) - ein passendes Symbol von des
Heilandes Opfer für die schuldigen Menschen. Jerusalem war von Gott vor
der ganzen Erde geehrt worden. Der Herr hatte „Zion erwählt“, er hatte
„Lust, daselbst zu wohnen.“ (Ps. 132, 13.) Dort hatten die heiligen
Propheten jahrhundertelang ihre Botschaften der Warnung verkündigt; die
Priester hatten ihre Rauchnäpfe geschwungen, und die Wolke des
Weihrauchs mit den Gebeten der Frommen war zu Gott aufgestiegen. Dort
war täglich das Blut der geopferten Lämmer dargebracht worden, die auf
das Lamm Gottes hinwiesen. Dort hatte Jehovah in der Wolke der
Herrlichkeit über dem Gnadenstuhl seine Gegenwart offenbart. Dort hatte
der Fuß jener geheimnisvollen Leiter geruht, welche die Erde mit dem
Himmel verband (l. Mose 28, 12; Joh. 1, 51) - jener Leiter, auf der die
Engel Gottes auf- und niederstiegen und welche der Welt den Weg in das
Allerheiligste öffnete. Hätte Israel als eine Nation dem Himmel seine
Treue bewahrt, so würde Jerusalem, die auserwählte Stadt Gottes, ewig
gestanden haben. (Jer. 17, 21-25.) Aber die Geschichte jenes
bevorzugten Volkes gab einen Bericht über Abtrünnigkeit und Empörung.
Es hatte sich der Gnade des Himmels widersetzt, seine Vorrechte
mißbraucht und die günstigen Gelegenheiten unbeachtet gelassen.
Die
Israeliten „spotteten der Boten Gottes- und verachteten seine Worte und
äfften seine Propheten,“ (2. Chron. 36, 15. 16) und doch hatte Gott
sich ihnen immer noch als der „Herr, Gott, barmherzig und gnädig und
geduldig und von großer Gnade und Treue erwiesen.“ (2. Mose 34, 6.)
Ungeachtet der wiederholten Verstoßungen war ihnen immer noch seine
Gnade nachgegangen. Mit mehr als väterlicher, mitleidsvoller Liebe für
das Kind seiner Sorge sandte Gott „zu ihnen durch seine Boten früh und
immerfort; denn er schonte seines Volkes und seiner Wohnung.“ (2.
Chron. 36, 15.) Nachdem Vorstellungen, Bitten und Zurechtweisungen
fehlgeschlagen hatten, sandte er ihnen die beste Gabe des Himmels; ja
er schüttete den ganzen Himmel in jener einen Gabe aus.
Der
Sohn Gottes selbst wurde gesandt, um mit der unbußfertigen Stadt zu
unterhandeln. War es doch Christus, der Israel als einen guten
Weinstock aus Ägypten geholt hatte. (Ps. 80, 9.) Seine eigene Hand
hatte die Heiden vor ihm her ausgetrieben. Er hatte ihn „an einen
fetten Ort“ (Jes. 5, 1-4) gepflanzt. In seiner Fürsorge hatte er einen
Zaun um ihn herum gebaut und seine Knechte ausgesandt, ihn zu pflegen.
„Was sollte man doch mehr tun an meinem Weinberge,“ ruft er aus, „das
ich nicht getan habe an ihm?“ Doch als er „wartete, daß er Trauben
brächte,“ hat er „Herlinge gebracht.“ (Jes. 5, 1-4.) Dessen ungeachtet
kam er mit einer noch immer sehnlichen Hoffnung auf Fruchtbarkeit
persönlich in seinen Weinberg, damit dieser, wenn möglich, vor dem
Verderben bewahrt bleibe. Er grub um den Weinstock herum; er beschnitt
und pflegte ihn. Unermüdlich waren seine Bemühungen, diesen selbst
gepflanzten Weinstock zu retten.
Drei
Jahre lang war der Herr des Lichts und der Herrlichkeit unter seinem
Volk ein- und ausgegangen. Er war umhergezogen und hatte wohlgetan und
gesund gemacht alle, die vom Teufel überwältigt waren; (Apg. 10, 38;
Luk. 4, 18; Matth. 11, 5;) Er hatte die zerstoßenen Herzen geheilt, die
Gefangenen losgelassen, den Blinden das Gesicht wiedergegeben, die
Lahmen gehen und die Tauben hören gemacht, die Aussätzigen gereinigt,
die Toten auferweckt und den Armen das Evangelium verkündigt. An alle
ohne Unterschied war die gnadenreiche Einladung ergangen: „Kommet her
zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken.“ (Matth. 11, 28.)
Obgleich
ihm Gutes mit Bösem und Liebe mit Haß belohnt wurde (Ps. 109, 5), so
war er doch unverwandt seiner Mission der Barmherzigkeit nachgegangen.
Nie waren diejenigen abgewiesen worden, die seine Gnade suchten. Selbst
ein heimatloser Wanderer, dessen täglicher Teil Schmach und Entbehrung
war, hatte er gelebt, um den Bedürftigen zu dienen, das Leid der
Menschen zu lindern und Seelen zur Annahme der Gabe des Lebens zu
bewegen. Die Wogen der Gnade, obgleich sie sich an widerspenstigen
Herzen brachen, kehrten in noch stärkerer Flut mitleidsvoller,
unaussprechlicher Liebe zurück. Aber Israel hatte sich von seinem
besten Freunde und einzigen Helfer abgewandt, hatte die Mahnungen
seiner Liebe verachtet, seine Ratschläge verschmäht, seine Warnungen
verlacht.
Die
Stunde der Hoffnung und der Gnade nahte sich dem Ende; die Schale des
lange zurückgehaltenen Zornes Gottes war beinahe voll. Die nunmehr
unheildrohende Wolke, die sich während der Zeit des Abfalles und der
Empörung gesammelt hatte, war im Begriff, sich über ein schuldiges Volk
zu entladen, und er, der allein von dem bevorstehenden Schicksal hätte
retten können, war verachtet, mißhandelt, verworfen worden und sollte
bald gekreuzigt werden. Mit Christi Kreuzestod auf Golgatha würde
Israels Zeit als eine von Gott begünstigte und gesegnete Nation
aufhören. Der Verlust auch nur einer Seele ist ein Unglück, welches den
Gewinn und die Schätze einer Welt unendlich überwiegt. Als aber
Christus auf Jerusalem blickte, sah er das Schicksal einer ganzen
Stadt, einer ganzen Nation - jener Stadt, jener Nation, die einst die
Auserwählte Gottes, sein besonderes Eigentum gewesen war.
Propheten
hatten über den Abfall der Kinder Israel und die schrecklichen
Verwüstungen geweint, welche infolge ihrer Sünden über sie ergingen.
Jeremia wünschte, daß seine Augen Tränenquellen wären, daß er Tag und
Nacht die Erschlagenen der Tochter seines Volkes und des Herrn Herde,
die gefangen geführt worden war, beweinen möchte. (Jer. 8, 23; 13, 17.)
Welchen Schmerz muß aber Christus empfunden haben, dessen prophetischer
Blick nicht Jahre, sondern ganze Zeitalter umfaßte! Er sah den
Würgengel mit dem Schwert gegen die Stadt erhoben, die so lange Jehovas
Wohnstätte gewesen war. Von der Spitze des Ölberges, derselben Stelle,
welche später von Titus und seinem Heer besetzt wurde, schaute er über
das Tal auf die heiligen Höfe und Säulenhallen, und mit seinem
tränenumflorten Auge erblickte er ein grauenhaftes Fernbild; die
Stadtmauern von einem feindlichen Heer umzingelt. Er hörte das Stampfen
der sich sammelnden Horden, vernahm die Stimmen der in der belagerten
Stadt nach Brot schreienden Mütter und Kinder. Er sah ihren heiligen,
prächtigen Tempel, die Paläste und Türme den Flammen preisgegeben, und
wo sie einst gestanden hatten, sah er nur einen Haufen rauchender
Trümmer.
Den
Strom der Zeit hinabblickend, sah er das Bundesvolk in alle Länder
zerstreut, gleich Wracks an einem öden Strande. In der zeitlichen
Vergeltung, die im Begriff war, seine Kinder heimzusuchen, sah er die
ersten Tropfen aus jener Zornesschale, die sie bei dem Gericht bis auf
die Hefe leeren mußten. Göttliches Erbarmen, mitleidige Liebe fand
ihren Ausdruck in den trauervollen Worten: Jerusalem, Jerusalem, die du
tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft
habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre
Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ (Matth. 23,
37.) 0 daß du, das vor allen andern bevorzugte Volk, die Zeit deiner
Heimsuchung und das, was zu deinem Frieden dient, erkannt hättest! Ich
habe den Engel der Strafe aufgehalten, ich habe dich zur Buße gerufen,
aber umsonst. Nicht nur Knechte, Boten und Propheten hast du
abgewiesen, sondern den Heiligen Israels, deinen Erlöser, hast du
verworfen; wenn du vernichtet wirst, so bist du allein verantwortlich.
„Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.“ (Joh.
5, 40)
Christus
sah in Jerusalem ein Sinnbild der in Unglauben und Empörung verhärteten
Welt, die dem wiedervergeltenden Gericht Gottes entgegeneilt. Die
Leiden eines gefallenen Geschlechts bedrückten seine Seele und
entlockten seinen Lippen jenen außerordentlich bittern Schrei. Er sah
im menschlichen Elend, in Tränen und Blut die Spuren der Sünde; sein
Herz wurde von unendlichem Mitleid mit den Bedrängten und Leidenden auf
Erden bewegt; er sehnte sich danach, ihnen allen Erleichterung zu
verschaffen. Aber selbst seine Hand vermochte nicht die Flut
menschlichen Elends abzuwenden; denn nur wenige würden sich an ihre
einzige Hilfsquelle wenden. Er war willens, seine Seele in den Tod zu
geben, um ihnen die Erlösung erreichbar zu machen, aber nur wenige
würden zu ihm kommen, daß sie das Leben haben möchten.
Die
Majestät des Himmels in Tränen! Der Sohn des unendlichen Gottes
niedergebeugt von Seelenangst! Dieser Anblick setzte den ganzen Himmel
in Erstaunen. Jene Szene offenbart uns die überaus große Sündhaftigkeit
der Sünde; sie zeigt, welch eine schwere Aufgabe es selbst für die
göttliche Allmacht ist, die Schuldigen von den Folgen der Übertretung
des Gesetzes zu retten. Hinunterschauend auf das letzte Geschlecht, sah
Jesus die Welt von einer Täuschung befallen, ähnlich derer, welche die
Zerstörung Jerusalems bewirkte. Die große Sünde der Juden war die
Verwerfung Christi; das große Vergehen der christlichen Welt würde die
Verwerfung des Gesetzes Gottes, der Grundlage seiner Regierung im
Himmel und auf Erden, sein. Die Vorschriften Jehovas würden verachtet
und verworfen werden. Millionen, in den Banden der Sünde und Sklaven
Satans, verurteilt, den andern Tod zu erleiden, würden sich in den
Tagen ihrer Heimsuchung weigern, auf die Worte der Wahrheit zu
lauschen. Schreckliche Blindheit! Seltsame Betörung!
Zwei
Tage vor dem Passahfest, als Christus zum letzten Male den Tempel
verließ, wo er die Scheinheiligkeit der jüdischen Obersten bloßgestellt
hatte, ging er abermals mit seinen Jüngern nach dem Ölberg und setzte
sich mit ihnen auf den mit Gras bewachsenen Abhang, der einen Blick
über die Stadt gewährte. Noch einmal schaute er auf ihre Mauern, Türme
und Paläste; noch einmal betrachtete er den Tempel in seiner blendenden
Pracht, ein Diadem der Schönheit, das den heiligen Berg krönte.
Tausend
Jahre zuvor hatte der Psalmist die Güte Gottes gegen Israel gepriesen,
weil er dessen heiliges Haus zu seiner Wohnstätte gemacht hatte: „Zu
Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion.“ Er „erwählte den
Stamm Juda, den Berg Zion, welchen er liebte. Und baute sein Heiligtum
hoch, wie die Erde, die ewiglich fest stehen soll.“ (Ps. 76, 3; 78, 68.
69.) Der erste Tempel war während der Glanzzeit der Geschichte Israels
errichtet worden. Große Vorräte an Schätzen waren zu diesem Zweck vom
König David gesammelt und die Pläne zu seiner Herstellung durch die
göttliche Eingebung entworfen worden. (l. Chron. 28, 12. 19.) Salomo,
der weiseste der Fürsten Israels, hatte das Werk vollendet. Dieser
Tempel war das herrlichste Gebäude, welches die Welt je gesehen hatte.
Doch hatte der Herr durch den Propheten Haggai betreffs des zweiten
Tempels erklärt: „Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer
werden, denn des ersten gewesen ist.„ „Ja, alle Heiden will ich
bewegen. Da soll dann kommen aller Heiden Bestes; und ich will dies
Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Haggai 2, 9.
7.)
Nach
der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar wurde er ungefähr
fünfhundert Jahre vor der Geburt Christi wieder erbaut von einem Volk,
das aus einer lebenslänglichen Gefangenschaft in ein verwüstetes und
beinahe verlassenes Land zurückgekehrt war. Unter ihm waren bejahrte
Männer, welche die Herrlichkeit des salomonischen Tempels gesehen
hatten und bei der Gründung des neuen Gebäudes weinten, daß es so sehr
hinter dem ersten zurückstehen müsse. Das damals herrschende Gefühl
wird von dem Propheten nachdrücklich beschrieben: „Wer ist unter euch
übriggeblieben, der dies Haus in seiner vorigen Herrlichkeit gesehen
hat? Und wie seht ihr's nun an? Ist's nicht also, es dünkt euch nichts
zu sein?“ (Haggai 2, 3; Esra 3, 12.) Dann wurde die Verheißung gegeben,
daß die Herrlichkeit dieses letzteren Hauses größer sein sollte, denn
die des vorigen.
Der
zweite Tempel kam jedoch dem ersten an Großartigkeit nicht gleich,
wurde auch nicht durch jene sichtbaren Zeichen der göttlichen Gegenwart
geheiligt, welche dem ersten Tempel eigen waren. Keine übernatürliche
Macht offenbarte sich bei seiner Einweihung; die Wolke der Herrlichkeit
erfüllte nicht das neu errichtete Heiligtum; kein Feuer fiel vom Himmel
hernieder, um das Opfer auf seinem Altar zu verzehren. Die Herrlichkeit
Gottes thronte nicht mehr zwischen den Cherubim im Allerheiligsten; die
Bundeslade, der Gnadenstuhl und die Tafeln des Zeugnisses wurden nicht
darin gefunden. Keine Stimme ertönte vom Himmel, um dem fragenden
Priester den Willen Jehovas kundzutun.
Jahrhundertelang
hatten die Juden vergebens versucht zu zeigen, inwiefern jene durch
Haggai gegebene Verheißung Gottes erfüllt worden war; jedoch
verblendeten Stolz und Unglauben ihre Gemüter, so daß sie die wahre
Bedeutung der Worte des Propheten nicht verstehen konnten. Der zweite
Tempel wurde nicht durch die Wolke der Herrlichkeit Jehovas geehrt,
sondern durch die lebendige Gegenwart dessen, in dem die Fülle der
Gottheit leibhaftig wohnte - welcher Gott selbst war, offenbart im
Fleische. Der „aller Heiden Bestes“ war tatsächlich zu seinem Tempel
gekommen, als der Mann von Nazareth in den heiligen Vorhöfen lehrte und
heilte. Durch die Gegenwart Christi, und zwar nur dadurch, übertraf der
zweite Tempel den ersten an Herrlichkeit. Aber Israel hatte die
angebotene Gabe des Himmels von sich gestoßen. Mit dem demütigen
Lehrer, der an jenem Tage durch das Goldene Tor hinausgegangen, war die
Herrlichkeit für immer von dem Tempel gewichen. Schon waren die Worte
des Heilandes erfüllt: „Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen
werden.“ (Matth. 23, 38.)
Die
Jünger waren bei Jesu Weissagung von der Zerstörung des Tempels mit
heiliger Scheu und mit Staunen erfüllt worden, und sie wünschten die
Bedeutung seiner Worte völliger zu verstehen. Reichtum, Arbeit und
Baukunst waren während mehr als vierzig Jahre in freigebiger Weise zu
seiner Verherrlichung verwendet worden. Herodes der Große hatte ihm
sowohl römischen Reichtum als auch jüdische Schätze zugewandt, und
sogar der Kaiser der Welt ihn mit seinen Geschenken bereichert. Massive
Blöcke weißen Marmors von beinahe fabelhafter Größe, zu diesem Zweck
aus Rom herbeigeschafft, bildeten einen Teil seines Baues; und auf
diese hatten die Jünger die Aufmerksamkeit ihres Meisters gelenkt, als
sie sagten: „Meister, siehe, welche Steine und welch ein Bau ist das!“
(Mark. 13, 1.)
Auf
diese Worte machte Jesus die feierliche und überraschende Erwiderung:
„Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern
bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (Matth. 24, 2.)
Die
Jünger verbanden mit der Zerstörung Jerusalems die Ereignisse der
persönlichen Wiederkunft Christi in zeitlicher Herrlichkeit, um den
Thron des Weltreiches einzunehmen, die unbußfertigen Juden zu strafen
und das römische Joch am Halse der Nation zu zerbrechen. Der Herr hatte
ihnen gesagt, daß er wiederkommen werde; deshalb richteten sich ihre
Gedanken bei der Erwähnung der Gerichte, die über Jerusalem kommen
sollten, auf jenes Kommen, und als sie auf dem Ölberg um den Heiland
versammelt waren, fragten sie ihn: „Sage uns, wann wird das geschehen?
Und welches wird das Zeichen sein deiner Zukunft und des Endes der
Welt?“ (Matth. 24, 3.)
Die
Zukunft war den Jüngern gnädiglich verhüllt. Hätten sie zu jener Zeit
die zwei furchtbaren Tatsachen völlig verstanden - des Heilandes Leiden
und Tod sowie die Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels -, so würden
sie von Entsetzen überwältigt worden sein. Christus gab ihnen einen
Umriß der hervorragendsten Ereignisse, die vor dem Ende der Zeit
stattfinden sollen. Seine Worte wurden damals nicht völlig verstanden;
aber ihr Sinn sollte enthüllt werden, wann sein Volk der darin
gegebenen Belehrung bedürfe. Die Prophezeiung, welche er aussprach,
hatte eine doppelte Anwendung, indem sie sich zunächst auf die
Zerstörung Jerusalems bezog und gleichzeitig die Schrecken des Jüngsten
Tages schilderte.
Jesus
erzählte den lauschenden Jüngern von den Gerichten, welche auf das
abtrünnige Israel kommen sollten, und sprach besonders von der
wiedervergeltenden Rache, die es wegen der Verwerfung und Kreuzigung
des Messias ereilen werde. Untrügliche Zeichen sollten dem furchtbaren
Ende vorausgehen. Die gefürchtete Stunde würde plötzlich und schnell
hereinbrechen. Und der Heiland warnte seine Nachfolger: „Wenn ihr nun
sehen werdet den Greuel der Verwüstung (davon gesagt ist durch den
Propheten Daniel), daß er steht an der heiligen Stätte (wer das liest,
der merke darauf!), alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen
Lande ist.“ (Matth. 24, 15. 16; Luk. 21, 20.) Wenn die abgöttischen
Standarten der Römer auf dem heiligen Boden, welcher sich einige
Feldwege außerhalb der Stadtmauern ausdehnte, aufgepflanzt sein würden,
dann sollten die Nachfolger Christi sich durch die Flucht retten. Wenn
das Warnungszeichen sichtbar würde, dürften diejenigen, welche zu
entrinnen wünschten, nicht zögern; im ganzen Lande Judäa, wie in
Jerusalem selbst müßte man dem Zeichen zur Flucht sofort gehorchen. Wer
gerade auf dem Dache sein würde, dürfte nicht ins Haus gehen, selbst
nicht, um seine köstlichsten Schätze zu retten. Wer auf dem Felde oder
im Weinberg arbeitete, sollte sich nicht die Zeit nehmen, wegen des
Oberkleides, das er während der Hitze des Tages abgelegt hatte,
zurückzukehren. Sie dürften nicht einen Augenblick zögern, wenn sie
nicht in der allgemeinen Zerstörung mit zugrunde gehen wollten.
Während
der Regierung des Herodes war Jerusalem nicht nur bedeutend verschönert
worden, sondern durch die Errichtung von Türmen, Mauern und
Festungswerken war die von Natur schon geschützte Stadt, wie es schien,
uneinnehmbar geworden. Wer zu dieser Zeit öffentlich ihre Zerstörung
vorhergesagt hätte, würde gleich Noah in seinen Tagen ein unsinniger
Ruhestörer genannt worden sein. Christus aber hatte gesagt: „Himmel und
Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Matth.
24, 35.) Ihrer Sünde wegen war der Zorn über die Stadt Jerusalem
angedroht worden, und ihr hartnäckiger Unglaube besiegelte ihr
Schicksal.
Der
Herr. hatte durch den Propheten Micha erklärt: „So höret doch dies, ihr
Häupter im Hause Jakob und ihr Fürsten im Hause Israel, die ihr das
Recht verschmäht, und alles, was aufrichtig ist, verkehret; die ihr
Zion mit Blut bauet und Jerusalem mit Unrecht. Ihre Häupter richten um
Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen
um Geld, verlassen sich auf den Herrn und sprechen: Ist nicht der Herr
unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen.“ (Micha 3, 9-1 L)
Diese
Worte schilderten genau die verderbten und selbstgerechten Einwohner
Jerusalems. Während sie behaupteten, die Vorschriften des Gesetzes
Gottes streng zu beobachten, übertraten sie alle seine Grundsätze. Sie
haßten Christum, weil seine Reinheit und Heiligkeit ihre Bosheit
offenbarte; und sie klagten ihn an, die Ursache all des Unglücks zu
sein, das infolge ihrer Sünden über sie gekommen war. Obwohl sie
wußten, daß er sündlos war, erklärten sie, daß sein Tod zu ihrer
Sicherheit als Nation notwendig sei. „Lassen wir ihn also,“ sagten die
jüdischen Obersten, „so werden sie alle an ihn glauben; so kommen dann
die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh. 11, 48.) Wenn Christus
geopfert würde, könnten sie noch einmal ein starkes, einiges Volk
werden. So urteilten sie und stimmten der Entscheidung ihres
Hohenpriesters bei, daß es besser sei, ein Mensch sterbe, denn daß das
ganze Volk verderbe.
Auf
diese Weise hatten die jüdischen Leiter „Zion mit Blut gebaut und
Jerusalem mit Unrecht,“ und während sie ihren Heiland töteten, weil er
ihre Sünden tadelte, war ihre Selbstgerechtigkeit so groß, daß sie sich
als Gottes begnadigtes Volk betrachteten und vom Herrn erwarteten, er
werde sie von ihren Feinden befreien. „Darum,“ fuhr der Prophet fort,
„wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem
wird zum Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer wilden
Höhe.“ (Micha 3, 10. 12.)
Beinahe
vierzig Jahre, nachdem das Schicksal Jerusalems von Christo selbst
ausgesprochen worden war, verzog der Herr seine Gerichte über die Stadt
und das Volk. Wunderbar war die Langmut Gottes gegen die Verwerfer
seines Evangeliums und die Mörder seines Sohnes. Das Gleichnis vom
unfruchtbaren Baum stellte das Verfahren Gottes mit dem jüdischen Volke
dar. Das Gebot war ausgegangen: „Haue ihn ab! Was hindert er das Land?“
(Luk. 13, 7) aber die göttliche Gnade hatte ihn noch ein wenig länger
verschont. Es gab noch viele Juden, die in bezug auf den Charakter und
das Werk Christi unwissend waren; die Kinder hatten nicht die günstigen
Gelegenheiten genossen und nicht das Licht empfangen, welches ihre
Eltern von sich gestoßen hatten. Durch die Predigt der Apostel und
ihrer Genossen wollte Gott auch ihnen das Licht scheinen lassen; ihnen
wurde es gestattet zu sehen, wie die Prophezeiung nicht nur durch die
Geburt und das Leben Christi, sondern auch durch seinen Tod und seine
Auferstehung erfüllt worden war. Die Kinder wurden nicht um der Sünden
ihrer Eltern willen verurteilt; wenn sie aber trotz der Kenntnis alles
Lichtes, das ihren Eltern gegeben wurde, das hinzukommende, ihnen
selbst gewährte Licht verwürfen, würden sie Teilhaber der Sünden ihrer
Eltern und das Maß ihrer Missetat vollmachen.
Gottes
Langmut gegen Jerusalem bestärkte die Juden nur in ihrer hartnäckigen
Unbußfertigkeit. In ihrem Haß und ihrer Grausamkeit gegen die Jünger
Jesu verwarfen sie das letzte Anerbieten der Gnade. Dann entzog Gott
ihnen seinen Schutz; er beschränkte die Macht Satans und seiner Engel
nicht länger, und die Nation wurde der Herrschaft des Leiters
überlassen, den sie sich gewählt hatte. Ihre Kinder hatten die Gnade
Christi verschmäht, die sie in den Stand gesetzt hätte, ihre bösen
Triebe zu unterdrücken, und diese wurden nun Sieger. Satan erweckte die
heftigsten und niedrigsten Leidenschaften der Seele. Die Menschen
überlegten nicht; sie waren von Sinnen, wurden durch Begierde und
blinde Wut geleitet. Sie wurden satanisch in ihrer Grausamkeit. In der
Familie wie unter dem Volk, unter den höchsten wie unter den
niedrigsten Klassen herrschte Argwohn, Neid, Haß, Streit, Empörung,
Mord. Nirgends war Sicherheit zu finden. Freunde und Verwandte
verrieten sich untereinander. Eltern erschlugen ihre Kinder und Kinder
ihre Eltern. Die Führer des Volkes hatten keine Macht, sich selbst zu
beherrschen. Ungezügelte Leidenschaften machten sie zu Tyrannen. Die
Juden hatten ein falsches Zeugnis angenommen, um den unschuldigen
Gottessohn zu verurteilen. Jetzt machten falsche Anklagen ihr eigenes
Leben unsicher. Durch ihre Handlungen hatten sie lange gesagt: „Lasset
den Heiligen Israels aufhören bei uns!“ (Jes. 30, 11.) Nun war ihr
Wunsch gewährt; Gottesfurcht beunruhigte sie nicht länger. Satan stand
an der Spitze der Nation, und die höchsten bürgerlichen und religiösen
Obrigkeiten wurden von ihm beherrscht.
Die
Anführer der Gegenparteien vereinigten sich zuzeiten, um ihre
unglücklichen Opfer zu plündern und zu martern, und dann fielen sie
übereinander her und mordeten ohne Gnade. Selbst die Heiligkeit des
Tempels konnte ihrer schrecklichen Grausamkeit nicht wehren. Die
Anbetenden wurden vor dem Altar niedergemetzelt, und das Heiligtum ward
durch die Leichname der Erschlagenen verunreinigt. Und doch erklärten
die Anstifter dieses höllischen Werkes in ihrer blinden und
gotteslästerlichen Vermessenheit öffentlich, daß sie keine Furcht
hätten, Jerusalem möchte zerstört werden, denn es sei Gottes eigene
Stadt. Um ihre Macht fester zu gründen, bestachen sie falsche
Propheten, die, selbst als die römischen Legionen den Tempel
belagerten, verkündigen mußten, daß das Volk auf Befreiung von Gott
warten solle. Bis aufs äußerste hielt die Menge an dem Glauben fest,
daß der Allerhöchste sich zur Vernichtung der Gegner ins Mittel legen
werde. Israel aber hatte den göttlichen Schutz verschmäht und stand nun
ohne Verteidigung da. Unglückliches Jerusalem! Durch innere Spaltungen
zerrissen, die Straßen gefärbt von dem Blut seiner Söhne, die sich
gegenseitig würgten, während fremde Heere seine Festungswerke
niederwarfen und seine Krieger erschlugen!
Alle
Weissagungen Christi in bezug auf die Zerstörung Jerusalems wurden
buchstäblich erfüllt. Die Juden erfuhren die Wahrheit seiner
Warnungsworte: „Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen
werden.“ (Matth. 7, 2.)
Als
Vorboten von Unglück und Gericht erschienen Zeichen und Wunder.
Inmitten der Nacht schwebte ein unnatürliches Licht über dem Tempel und
Altar. Auf den Abendwolken zeigten sich Bilder von Kriegern und
Streitwagen, die sich zum Kampfe sammelten. Die nachts im Heiligtum
dienenden Priester wurden erschreckt durch geheimnisvolle Töne; die
Erde erbebte, und eine Menge Stimmen hörte man sagen: „Lasset uns von
hinnen gehen!“ Das große östliche Tor, welches so schwer war, daß es
nur mit Mühe von zwanzig Männern geschlossen werden konnte, und dessen
ungeheure eiserne Riegel tief in der Steinschwelle befestigt waren, tat
sich um Mitternacht von selbst auf. (Josephus, Vom jüd. Kriege, VI, 5.
Siehe auch Milman, Geschichte der Juden, 13. Buch.)
Sieben
Jahre lang ging ein Mann die Straßen Jerusalems auf und ab und
verkündigte das Unglück, das über die Stadt kommen sollte. Tag und
Nacht sang er das wilde Trauerlied: „Stimme von Morgen, Stimme von
Abend, Stimme von den vier Winden, Stimme über Jerusalem und den
Tempel, Stimme über den Bräutigam und die Braut, Stimme über das ganze
Volk.“ Dies seltsame Wesen wurde eingekerkert und gegeißelt; aber keine
Klage entrang sich seinen Lippen. Auf Schmähungen und Mißhandlungen kam
nur die Antwort: „Wehe, wehe Jerusalem! Wehe, wehe der Stadt, dem Volk
und dem Tempel!“ Dieser Warnungsruf hörte nicht auf, bis der Mann bei
der Belagerung, die er vorhergesagt hatte, umkam.
Nicht
ein Christ kam bei der Zerstörung Jerusalems um. Christus hatte seine
Jünger gewarnt und alle, die seinen Worten glaubten, warteten auf das
verheißene Zeichen. „Wenn ihr aber sehen werdet Jerusalem belagert mit
einem Heer,“ sagte Jesus, „so merket, daß herbei gekommen ist ihre
Verwüstung. Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf das Gebirge, und
wer drinnen ist, der weiche heraus.“ (Luk. 21, 20. 21.) Nachdem die
Römer unter Cestius die Stadt eingeschlossen hatten, hoben sie
unerwarteterweise die Belagerung auf, gerade zu einer Zeit, da alles zu
einem unmittelbaren Angriff günstig zu sein schien. Die Belagerten, die
an einem erfolgreichen Widerstand zweifelten, waren im Begriff, sich zu
ergeben, als der römische Feldherr ohne irgendwelchen sichtbaren Grund
plötzlich seine Streitkräfte zurückzog. Gottes gnädige Vorsehung
gestaltete die Ereignisse zum Besten seines Volkes. Das verheißene
Zeichen war den wartenden Christen gegeben worden. Nun wurde allen, die
des Heilandes Warnung Folge leisten wollten, die Gelegenheit geboten,
und zwar ordnete der Herr die Ereignisse derart, daß weder die Juden
noch die Römer die Flucht der Christen hindern konnten. Nach dem
Rückzug des Cestius machten die Juden einen Ausfall aus Jerusalem und
verfolgten das sich zurückziehende Heer, und während beide Streitkräfte
auf diese Weise völlig in Anspruch genommen waren, hatten die Christen
Gelegenheit, die Stadt zu verlassen. Um diese Zeit war auch das Land
von Feinden, welche hätten versuchen können, sie aufzuhalten, gesäubert
worden. Zur Zeit der Belagerung waren die Juden zu Jerusalem
versammelt, um das Laubhüttenfest zu feiern, und auf diese Weise waren
die Christen im ganzen Lande imstande, ihre Flucht unbelästigt zu
bewerkstelligen. Ohne Verzug flohen sie nach einer Stätte der
Sicherheit - der Stadt Pella, im Lande Peräa, jenseits des Jordans.
Die
jüdischen Streiter, die Cestius und sein Heer verfolgten, warfen sich
mit solcher Wut auf die Nachhut, daß ihr vollständige Vernichtung
drohte. Nur mit großer Schwierigkeit gelang es den Römern, ihren
Rückzug auszuführen. Die Juden kamen beinahe ohne allen Verlust davon
und kehrten mit ihrer Beute triumphierend nach Jerusalem zurück. Doch
brachte ihnen dieser scheinbare Erfolg nur Unheil. Er beseelte sie mit
einem Geist des hartnäckigen Widerstandes gegen die Römer, wodurch
schnell ein unaussprechliches Weh über die verurteilte Stadt
hereinbrach.
Schrecklich
war das Unglück, welches über Jerusalem kam, als die Belagerung von
Titus wieder aufgenommen wurde. Die Stadt wurde zur Zeit des
Passahfestes, da Millionen von Juden in ihren Mauern weilten, umlagert.
Die Vorräte an Lebensmitteln, welche, wenn sorgfältig bewahrt,
jahrelang für die Einwohner ausgereicht hätten, waren schon durch die
Eifersucht und Rache der streitenden Parteien zerstört worden, und
jetzt erlitten sie alle Schrecken der Hungersnot. Ein Maß Weizen wurde
für ein Talent verkauft. So schrecklich waren die Qualen des Hungers,
daß manche an dem Leder ihrer Gürtel, Sandalen und Bezüge ihrer Schilde
nagten. Viele Leute schlichen des Nachts aus der Stadt, um wilde
Kräuter, die außerhalb der Stadtmauern wuchsen, zu sammeln, obwohl
etliche ergriffen und unter grausamen Martern mit dem Tode bestraft,
und andere, die wohlbehalten zurückkehrten, des unter so großer Gefahr
Gesammelten beraubt wurden. Die unmenschlichsten Qualen wurden von den
Machthabern aufgelegt, um den vom Mangel Bedrückten die letzten
spärlichen Vorräte, die sie möglicherweise verborgen hatten,
abzuzwingen. Und diese Grausamkeiten wurden nicht selten von Menschen
ausgeübt, die selbst wohlgenährt waren und nur danach trachteten, einen
Vorrat an Lebensmitteln für die Zukunft aufzuspeichern.
Tausende
starben an Hungersnot und Pestilenz. Die natürlichen Bande der Liebe
schienen zerstört zu sein. Der Mann beraubte seine Frau und die Frau
ihren Mann. Man sah Kinder, die den greisen Eltern das Brot vom Munde
wegrissen. Der Frage des Propheten: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins
vergessen?“ (Jes. 49, 15) wurde innerhalb der Mauern jener verurteilten
Stadt die Antwort zuteil: „Es haben die barmherzigsten Weiber ihre
Kinder selbst müssen kochen, daß sie zu essen hätten in dem Jammer der
Tochter meines Volks.“ (Klag. 4, 10.) Wiederum wurde die warnende
Weissagung erfüllt, welche vierzehn Jahrhunderte zuvor gegeben worden
war: „Ein Weib unter euch, das zuvor zärtlich und in Üppigkeit gelebt
hat, daß sie nicht versucht hat ihre Fußsohle auf die Erde zu setzen,
vor Zärtlichkeit und Wohlleben, die wird dem Manne in ihren Armen und
ihrem Sohne und ihrer Tochter nicht gönnen die Nachgeburt, ... dazu
ihre Söhne, die sie geboren hat; denn sie werden sie vor Mangel an
allem heimlich essen in der Angst und Not, womit dich dein Feind
bedrängen wird in deinen Toren.“ (5. Mose 28, 56. 57.)
Die
römischen Anführer bestrebten sich, die Juden mit Schrecken zu erfüllen
und dadurch zur Übergabe zu bewegen. Gefangene, welche sich bei ihrer
Ergreifung widersetzten, wurden gegeißelt, gefoltert und vor der
Stadtmauer gekreuzigt. Hunderte wurden täglich auf diese Weise getötet
und das grauenvolle Werk fortgesetzt, so daß das Tal Josaphat entlang
und auf Golgatha die Kreuze in so großer Anzahl aufgerichtet waren, daß
kaum Raum blieb, sich zwischen ihnen zu bewegen. So schrecklich
erfüllte sich die frevelhafte, vor dem Richterstuhl des Pilatus
ausgesprochene Verwünschung: „Sein Blut komme über uns und über unsere
Kinder.“ (Matth. 27, 25.)
Titus
hätte der Schreckensszene gern ein Ende gemacht und damit der Stadt
Jerusalem das volle Maß ihres Gerichts erspart. Er wurde mit Entsetzen
erfüllt, als er die Leichname der Erschlagenen haufenweise in den
Tälern liegen sah. Wie bezaubert schaute er vom Gipfel des Ölberges auf
den herrlichen Tempel und gab den Befehl, nicht einen Stein davon zu
berühren. Ehe er in den Besitz dieses festen Platzes zu gelangen
versuchte, ließ er einen ernsten Aufruf an die jüdischen Führer
ergehen, ihn doch nicht zu zwingen, die heilige Stätte mit Blut zu
beflecken. Wenn sie herauskommen und an irgendeinem anderen Ort kämpfen
wollten, so sollte kein Römer die Heiligkeit des Tempels verletzen.
Josephus selbst beschwor sie in einer höchst beredten Ansprache, sich
zu übergeben, sich selbst, ihre Stadt und die Stätte der Anbetung zu
retten. Aber seine Worte wurden mit bitteren Verwünschungen
beantwortet. Wurfspieße wurden nach ihm, ihrem letzten menschlichen
Vermittler, geschleudert, als er vor ihnen stand, um mit ihnen zu
unterhandeln. Die Juden hatten die Bitten des Sohnes Gottes verworfen,
und nun machten die ernsten Vorstellungen und Bitten sie nur um so
entschiedener, bis aufs äußerste zu widerstehen. Des Titus Bemühungen,
den Tempel zu retten, waren vergeblich. Ein Größerer als er hatte
erklärt, daß nicht ein Stein auf dem andern gelassen werden sollte.
Die
blinde Hartnäckigkeit der jüdischen Anführer und die
verabscheuungswürdigen Verbrechen, die in der belagerten Stadt verübt
wurden, erweckten bei den Römern Entsetzen und Entrüstung, und endlich
beschloß Titus, den Tempel im Sturm zu nehmen, ihn jedoch, wenn
möglich, vor der Zerstörung zu bewahren. Aber seine Befehle wurden
mißachtet. Als er sich abends in sein Zelt zurückgezogen hatte, machten
die Juden einen Ausfall aus dem Tempel und griffen die Soldaten
außerhalb an. Im Handgemenge wurde von einem Soldaten ein Feuerbrand
durch eine Öffnung der Halle geschleudert, und unmittelbar darauf
standen die mit Zedernholz getäfelten Räume des heiligen Gebäudes in
Flammen. Titus eilte nach dem Ort, gefolgt von seinen Generalen und
Obersten und befahl den Soldaten, die Flammen zu löschen. Seine Worte
blieben unbeachtet. In ihrer Wut schleuderten die Soldaten Feuerbrände
in die an den Tempel stoßenden Gemächer und metzelten viele mit dem
Schwerte nieder, die daselbst Zuflucht gefunden hatten. Das Blut floß
gleich Wasser die Tempelstufen hinunter. Tausende und aber Tausende von
Juden kamen um. Das Schlachtgetöse wurde übertönt von Stimmen, welche
riefen: „lchabod!“ - die Herrlichkeit ist dahin.
„Titus
fand es unmöglich, der Wut der Kriegsknechte Einhalt zu tun; er trat
mit seinen Offizieren ein und nahm Einsicht von dem Innern des heiligen
Gebäudes. Der Glanz erregte ihre Bewunderung, und da die Flammen noch
nicht bis zum Heiligtum gedrungen waren, machte er einen letzten
Versuch, es zu retten. Er sprang hervor und forderte die Mannschaften
auf, das Umsichgreifen der Feuerbrunst zu verhindern. Der Hauptmann
Liberalis versuchte mit seinem Befehlshaberstab, Gehorsam zu erzwingen;
doch selbst die Achtung vor dem Kaiser verging vor der rasenden
Feindseligkeit gegen die Juden, der heftigen Aufregung des Kampfes und
der unersättlichen Beutegier. Die Soldaten sahen alles um sich herum
vom Golde strahlen, das im wilden Licht der Flammen einen blendenden
Glanz erzeugte; sie wähnten, unberechenbare Schätze seien in dem
Heiligtum aufgespeichert. Unbemerkt warf ein Soldat eine brennende
Fackel zwischen die Angeln der Tür, und im Nu stand das ganze Gebäude
in Flammen. Der erstickende Rauch und das Feuer zwangen die Offiziere,
sich zurückzuziehen, und der herrliche Bau wurde seinem Schicksal
überlassen.
„War
es schon für die Römer ein erschreckendes Schauspiel, was mag es für
die Juden gewesen sein! Der ganze Gipfel, der die Stadt weit überragte,
erschien wie ein feuerspeiender Berg. Eins nach dem andern stürzten die
Gebäude ein und wurden von dem feurigen Abgrund verschlungen. Die
Dächer von Zedernholz waren einem Feuermeer gleich, das vergoldete
Zinnenwerk erglänzte wie leuchtende Feuerzungen, die Türme der Tore
schossen Flammengarben und Rauchsäulen empor. Die benachbarten Hügel
waren erleuchtet; dunkle Gruppen von Zuschauern verfolgten in
fürchterlicher Angst die fortschreitende Zerstörung; auf den Mauern und
Höhen der oberen Stadt drängte sich Gesicht an Gesicht, einige bleich
vor Angst und Verzweiflung, andere mit düsteren Blicken ohnmächtiger
Rache. Die Rufe der hin- und hereilenden römischen Soldaten, das Heulen
der Aufständigen, die in den Flammen umkamen, vermischten sich mit dem
Getöse der Feuersbrunst und dem donnernden Krachen des stürzenden
Gebälks. Das Echo antwortete von den Bergen und widerhallte die
Schreckensrufe des Volkes auf den Höhen; die Wälle entlang erschallte
Angstgeschrei und Wehklagen; Menschen, die von der Hungersnot erschöpft
im Sterben lagen, rafften alle Kraft zusammen, um einen letzten Schrei
der Angst und der Trostlosigkeit auszustoßen.
„Das
Gemetzel im Innern war sogar noch schrecklicher als der Anblick von
außen. Männer und Frauen, alt und jung, Aufrührer und Priester,
Kämpfende und um Gnade Flehende wurden ohne Unterschied im Blutbad
nieder gehauen. Die Anzahl der Erschlagenen überstieg die der Würger.
Die Soldaten mußten über Haufen Leichname hinweg klettern, um ihr
Vertilgungswerk fortsetzen zu können.“ (Milman, Geschichte der Juden,
16. Buch.)
Nach
der Zerstörung des Tempels fiel bald die ganze Stadt in die Hände der
Römer. Die Anführer der Juden gaben ihre uneinnehmbaren Türme auf, und
Titus fand sie alle verlassen. Mit Verwunderung blickte er auf sie und
erklärte, daß Gott sie in seine Hände gegeben habe; denn keine
Maschinen, wie gewaltig sie auch sein mochten, hätten über jene
staunenswerten Festungsmauern die Oberhand gewinnen können. Sowohl die
Stadt als auch der Tempel wurden bis auf den Grund geschleift, und der
Boden, worauf das heilige Gebäude gestanden hatte, wurde „wie ein Acker
gepflügt.“ (Jer. 26, 18.) In der Belagerung und dem darauffolgenden
Gemetzel kamen über eine Million Menschen um; die Überlebenden wurden
in die Gefangenschaft geführt, als Sklaven verkauft, nach Rom
geschleppt, um des Eroberers Triumph zu zieren, in den Amphitheatern
den wilden Tieren vorgeworfen oder als heimatlose Wanderer über die
ganze Erde zerstreut.
Die
Juden hatten ihre eigenen Fesseln geschmiedet, hatten sich selbst den
Becher der Rache gefüllt. In der vollständigen Vernichtung, die sie als
eine Nation befiel, und in all dem Weh, das ihnen in ihrer Zerstreuung
nachfolgte, ernteten sie nur, was sie mit eigenen Händen gesät hatten.
Der Prophet schreibt: „Israel, du bringest dich in Unglück,“ „denn du
bist gefallen um deiner Missetat willen.“ (Hos. 13, 9; 14, 1.) Ihre
Leiden werden oft als eine Strafe hingestellt, mit welcher sie auf
direkten Befehl Gottes heimgesucht wurden. Auf diese Weise sucht der
große Betrüger sein eigenes Werk zu verbergen. Durch eigensinnige
Verwerfung der göttlichen Liebe und Gnade hatten die Juden es bewirkt,
daß ihnen der Schutz Gottes entzogen und es Satan gestattet wurde, sie
nach Willkür zu beherrschen. Die schrecklichen Grausamkeiten, die bei
der Zerstörung Jerusalems ausgeübt wurden, kennzeichnen Satans
rachgierige Macht über diejenigen, welche sich seiner Leitung
überlassen.
Wir
können nicht wissen, wieviel wir Christo für den Frieden und Schutz
schuldig sind, deren wir uns erfreuen. Es ist die zurückhaltende Kraft
Gottes, die es verhindert, daß die Menschen völlig unter die Herrschaft
Satans geraten. Die Ungehorsamen und die Undankbaren haben allen Grund,
Gott für seine Gnade und Langmut dankbar zu sein, weil er die grausame,
boshafte Macht des Bösen im Zaum hält. Überschreiten aber die Menschen
die Grenzen der göttlichen Nachsicht, dann wird jene Einschränkung
aufgehoben. Gott stellt sich dem Sünder nicht als ein Vollstrecker des
Urteils für die Übertretungen gegenüber, sondern er überläßt die
Verwerfer seiner Gnade sich selbst, damit sie ernten, was sie gesät
haben. Jeder verworfene Lichtstrahl, jede verschmähte oder unbeachtete
Warnung, jede gepflegte Leidenschaft, jede Übertretung des Gesetzes
Gottes ist ein gesäter Same, der seine gewisse Ernte hervorbringt. Der
Geist Gottes wird schließlich dem Sünder entzogen, der sich ihm
beharrlich widersetzt, und dann bleibt dem Betreffenden keine Kraft
mehr, die bösen Leidenschaften der Seele zu beherrschen, und kein
Schutz vor der Bosheit und Feindschaft Satans. Die Zerstörung
Jerusalems ist eine furchtbare und feierliche Warnung an alle, die das
Anerbieten der göttlichen Gnade geringachten und den Mahnrufen der
Barmherzigkeit Gottes widerstehen. Nie wurde ein bestimmteres Zeugnis
für den Haß Gottes gegen die Sünde und für die sichere Bestrafung der
Schuldigen gegeben.
Die
Weissagung des Heilandes, welche die heimsuchenden Gerichte über
Jerusalem ankündigte, wird noch eine andere Erfüllung haben, von
welcher jene schreckliche Verwüstung nur ein schwacher Schatten war. In
dem Schicksal der auserwählten Stadt können wir das Los einer Welt
sehen, die Gottes Barmherzigkeit von sich gewiesen und sein Gesetz mit
Füßen getreten hat. Grauenhaft sind die Berichte des menschlichen
Elends, dessen die Erde während der langen Jahrhunderte des Verbrechens
Zeuge sein mußte. Das Herz wird beklommen und der Geist verzagt beim
Nachdenken über diese Dinge. Schrecklich sind die Folgen der Verwerfung
der Machtstellung des Himmels gewesen. Doch ein noch furchtbareres Bild
wird uns in den Offenbarungen über die Zukunft enthüllt. Die Berichte
der Vergangenheit - die lange Reihe von Aufständen, Kämpfen und
Empörungen, aller Kriege „mit Ungestüm und die blutigen Kleider“ (Jes.
9, 5) - was sind sie im Vergleich mit den Schrecken jenes Tages, wenn
der zügelnde Geist Gottes den Gottlosen gänzlich entzogen werden und
nicht länger die Ausbrüche menschlicher Leidenschaften und satanischer
Wut im Zaume halten wird! Dann wird die Welt wie nie zuvor die Folgen
der Herrschaft Satans sehen.
An
jenem Tage aber, wie zur Zeit der Zerstörung Jerusalems, wird Gottes
Volk errettet werden, „ein jeglicher, der geschrieben ist unter die
Lebendigen.“ (Jes. 4, 3.) Christus hat vorhergesagt, daß er zum
andernmal kommen will, um seine Getreuen zu sich zu sammeln: „Und
alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen
kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und
Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und
sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden von einem
Ende des Himmels zu dem andern.“ (Matth. 24, 30. 31.) Dann werden alle,
die dem Evangelium nicht gehorchen, umgebracht mit dem Geist seines
Mundes und vernichtet werden durch die Erscheinung seiner Zukunft. (2.
Thess. 2, 8.) Gleichwie Israel vor alters bringen die Gottlosen sich
selbst um; sie fallen infolge ihrer Übertretungen. Durch ein Leben der
Sünde sind sie so wenig im Einklang mit Gott, und durch das Böse ist
ihre Natur so entwürdigt worden, daß die Offenbarung seiner
Herrlichkeit für sie ein verzehrendes Feuer ist.
Möchten
die Menschen sich doch hüten, die ihnen in Christi Worten gegebenen
Lehren geringzuschätzen! Gleichwie er seine Jünger vor der Zerstörung
Jerusalems warnte, indem er ihnen ein Zeichen des herannahenden
Unterganges gab, damit sie fliehen möchten, so hat er die Welt vor dem
Tage der schließlichen Zerstörung gewarnt und ihr Zeichen dieses
kommenden Tages gegeben, damit alle, die wollen, dem zukünftigen Zorn
entrinnen können. Jesus erklärt: „Es werden Zeichen geschehen an Sonne
und Mond und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein.“ (Luk.
21, 25; Matth. 24, 29; Mark. 13, 24-26; Offb. 6, 12-17.) Wer diese
Vorboten seines Kommens sieht, soll wissen, „daß es nahe vor der Tür
ist.“ „So wachet nun,“ sind seine Worte der Ermahnung. Alle, welche auf
diese Stimme achten, sollen nicht in Finsternis gelassen werden, daß
jener Tag sie unvorbereitet übereile; aber über alle, die nicht wachen
wollen, wird der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht.
(Matth. 24, 33; Mark 13. 35.)
Die
Welt ist jetzt nicht geneigter, die Warnungen für diese Zeit anzunehmen
als damals die Juden, die sich der Botschaft unseres Heilandes über
Jerusalem widersetzten. Mag er kommen, wann er will, der Tag des Herrn
wird die Gottlosen unvorbereitet finden. Wenn das Leben seinen
gewöhnlichen täglichen Gang geht, wenn die Menschheit von Vergnügen,
Geschäften, Handel und Gelderwerb in Anspruch genommen ist, wenn
religiöse Leiter den Fortschritt und die Erleuchtung der Welt
verherrlichen und das Volk in falsche Sicherheit gewiegt wird - dann
wird, wie ein Dieb sich um Mitternacht in die unbewachte Behausung
einschleicht, das plötzliche Verderben die Sorglosen und Bösewichte
überfallen, „und werden nicht entrinnen.“ (l. Thess. 5, 2-5.)
KAPITEL 2
VERFOLGUNG IN DEN ERSTEN JAHRHUNDERTEN
Als
Christus seinen Jüngern das Schicksal Jerusalems und die Ereignisse
seines zweiten Kommens enthüllte, sprach er auch von den zukünftigen
Erfahrungen seines Volkes von der Zeit an, da er von ihnen genommen
werden sollte, bis er sie bei seiner Wiederkunft in Macht und
Herrlichkeit befreien würde. Vom Ölberg aus sah der Heiland die bald
über die apostolische Gemeinde hereinbrechenden Stürme, und weiter in
die Zukunft dringend, erblickte sein Auge die grimmigen, verwüstenden
Wetter, die sich in den kommenden Zeiten der Finsternis und der
Verfolgung über seine Nachfolger entladen würden. In wenigen, kurzen
Äußerungen furchtbarer Bedeutsamkeit sagte er ihnen im voraus, welches
Maß die Herrscher dieser Welt der Gemeinde Gottes zumessen würden
(Matth. 24, 9. 21. 22.) Die Nachfolger Christi müßten denselben Pfad
der Demütigung, der Schmach und des Leidens betreten, den ihr Meister
gegangen war. Die Feindschaft, die sich gegen den Erlöser der Welt Bahn
brach, würde gegen alle, die an seinen Namen glauben, offenbar werden.
Die
Geschichte der ersten Christengemeinde bezeugt die Erfüllung der Worte
Jesu. Die Mächte der Erde und der Hölle vereinigten sich gegen Christum
in seinen Nachfolgern. Wohl sah das Heidentum voraus, daß seine Tempel
und Altäre niedergerissen werden würden, falls das Evangelium
triumphierte; deshalb bot es alle Kräfte auf, um das Christentum zu
vernichten. Die Feuer der Verfolgung wurden angezündet, Christen wurden
ihrer Besitztümer beraubt und aus ihren Heimstätten vertrieben. Sie
erduldeten „einen großen Kampf des Leidens“ (Hebr. 10, 32). Sie „haben
Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefängnis“ (Hebr. 11, 36).
Eine große Anzahl besiegelte ihr Zeugnis mit ihrem Blut; Edelmann und
Sklave, reich und arm, Gelehrte und Unwissende wurden ohne Unterschied
erbarmungslos umgebracht.
Diese
Verfolgungen, welche unter Nero, ungefähr zur Zeit des Märtyrertums
Pauli begannen, dauerten mit größerer oder geringerer Heftigkeit
jahrhundertelang fort. Christen wurden fälschlich der abscheulichsten
Verbrechen angeklagt und als die Ursache großer Unglücksfälle, wie
Hungersnot, Pestilenz und Erdbeben, hingestellt. Da sie zum Gegenstand
des allgemeinen Hasses und Verdachts wurden, fanden sich auch leicht
Ankläger, die um des Gewinnes willen Unschuldige verrieten. Sie wurden
als Empörer gegen das Reich, als Feinde der Religion und als Schädlinge
der Gesellschaft verurteilt. Viele wurden wilden Tieren vorgeworfen
oder lebendig in den Amphitheatern verbrannt. Etliche wurden
gekreuzigt, andere mit den Fellen wilder Tiere bedeckt in die Arena
geworfen, um von Hunden zerrissen zu werden. Die ihnen gewärtige Strafe
bildete oft den Hauptgegenstand der Unterhaltung bei öffentlichen
Festen. Große Mengen versammelten sich, um sich des Anblicks zu
erfreuen, und begrüßten ihre Todesschmerzen mit Gelächter und
Beifallsklatschen.
Wo
die Nachfolger Christi auch Zuflucht fanden, immer wurden sie gleich
Raubtieren aufgejagt. Sie waren genötigt, sich an öden und verlassenen
Stätten zu verbergen. „Mit Mangel, mit Trübsal, mit Ungemach (deren die
Welt nicht wert war), sind“ sie „im Elend gegangen in den Wüsten, auf
den Bergen und in den Klüften und Löchern der Erde.“ (Hebr. 11, 37-38.)
Die Katakomben boten Tausenden eine Zufluchtsstätte. Unter den Hügeln
außerhalb der Stadt Rom waren lange, durch Erde und Felsen getriebene
Gänge, deren dunkles, verschlungenes Netzwerk sich meilenweit über die
Stadtmauern hinaus erstreckte. In diesen unterirdischen Bergungsorten
bestatteten die Nachfolger Christi ihre Toten, und hier fanden sie
auch, wenn sie verdächtigt und geächtet wurden, eine Zufluchtsstätte.
Wenn der Lebensspender diejenigen, welche den guten Kampf gekämpft
haben, auferwecken wird, werden viele, die um Christi Sache willen
Märtyrer geworden sind, aus jenen düsteren Höhlen hervorkommen.
Unter
der heftigsten Verfolgung hielten diese Zeugen für Jesum ihren Glauben
unbefleckt. Obwohl jeder Bequemlichkeit beraubt, abgeschlossen vom
Lichte der Sonne, im dunkeln aber freundlichen Schoße der Erde ihre
Wohnung aufschlagend, äußerten sie keine Klage. Mit Worten des
Glaubens, der Geduld und der Hoffnung ermutigten sie einander,
Entbehrungen und Trübsal zu erdulden. Der Verlust aller irdischen
Segnungen vermochte sie nicht zu zwingen, ihrem Glauben an Christum zu
entsagen. Prüfungen und Verfolgungen waren nur Stufen, auf denen sie
ihrer Ruhe und Belohnung näher kamen.
Viele
wurden gleich den Dienern Gottes vor alters „zerschlagen und haben
keine Erlösung angenommen, auf daß sie die Auferstehung, die besser
ist, erlangten.“ (Hebr. 11, 35.) Sie riefen sich die Worte ihres
Meisters ins Gedächtnis zurück, daß sie bei Verfolgungen um Christi
willen fröhlich und getrost sein sollten, denn groß würde ihre
Belohnung im Himmel sein; auch die Propheten vor ihnen waren also
verfolgt worden. Sie freuten sich, würdig erachtet zu werden, für die
Wahrheit zu leiden, und Siegeslieder stiegen mitten aus den prasselnden
Flammen empor. Im Glauben aufwärts schauend erblickten sie Christum und
heilige Engel, die, über die Brüstung des Himmels lehnend, sie mit
innigster Teilnahme beobachteten und wohlgefällig ihre Standhaftigkeit
betrachteten. Eine Stimme kam vom Throne Gottes zu ihnen hernieder:
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens
geben.“ (Offb. 2, 10.)
Vergeblich
waren Satans Anstrengungen, die Gemeinde Christi mit Gewalt zu
zerstören. Der große Kampf, in dem Christi Jünger ihr Leben hingaben,
hörte nicht auf, als diese getreuen Bannerträger auf ihrem Posten
fielen. Durch ihre Niederlage siegten sie. Gottes Arbeiter wurden
erschlagen; sein Werk aber ging beständig vorwärts. Das Evangelium
breitete sich aus, die Zahl seiner Anhänger nahm zu; es drang in
Gebiete ein, die selbst für die Adler Roms unzugänglich waren. Ein
Christ, der mit den heidnischen Herrschern verhandelte, welche die
Verfolgung eifrig betrieben, sagte: „Tötet uns, quält uns, verurteilt
uns; ... eure Ungerechtigkeit ist der Beweis für unsere Unschuld! Auch
nützt ausgesuchtere Grausamkeit von eurer Seite noch nicht einmal
etwas; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir
werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden;
das Blut der Christen ist ein Same.“ (Tertullians Apologetikus, Kap.
50.)
Tausende
wurden eingekerkert und umgebracht; aber andere standen auf, um diese
Lücken auszufüllen. Die, welche um ihres Glaubens willen den
Märtyrertod erlitten, waren Christo gesichert und wurden von ihm als
Überwinder erachtet. Sie hatten den guten Kampf gekämpft und sollten
die Krone der Herrlichkeit empfangen, wenn Christus wiederkommen würde.
Die Leiden, welche die Christen erduldeten, verbanden sie inniger
miteinander und mit ihrem Erlöser. Ihr Beispiel im Leben, ihr
Bekenntnis im Sterben waren ein beständiges Zeugnis für die Wahrheit;
und wo es am wenigsten zu erwarten war, verließen Untertanen Satans
seinen Dienst und stellten sich unter das Banner Christi.
Satan
plante, erfolgreicher gegen die Regierung Gottes Krieg zu führen, indem
er sein Banner in der christlichen Gemeinde aufpflanzte. Könnten die
Nachfolger Christi getäuscht und verleitet werden, Gott zu mißfallen,
dann würde ihre Kraft, Festigkeit und Beharrlichkeit dahin sein und sie
ihm als Beute leicht zufallen.
Der
große Gegner suchte nun durch Hinterlist das zu erreichen, was er sich
mit Gewalt nicht hatte sichern können. Die Verfolgungen hörten auf, an
ihre Stelle traten die gefährlichen Lockungen irdischen Wohllebens und
weltlicher Ehre. Götzendiener wurden veranlaßt, einen Teil des
christlichen Glaubens anzunehmen, wogegen sie andere wesentliche
Wahrheiten verwarfen. Sie gaben vor, Jesum als den Sohn Gottes
anzuerkennen und an seinen Tod und seine Auferstehung zu glauben; aber
sie hatten keine Erkenntnis ihrer Sünden und fühlten kein Bedürfnis der
Reue oder einer Veränderung des Herzens. Selbst zu einigen
Zugeständnissen bereit, schlugen sie den Christen vor, ebenfalls
Einräumungen zu machen, um alle in dem Glaubensbekenntnis an Christum
zu vereinigen.
Nun
befand sich die Gemeinde in einer furchtbaren Gefahr, mit welcher
Gefängnis, Folter, Feuer und Schwert verglichen, als Segnungen
dastanden. Einige Christen standen fest und erklärten, daß sie auf
keinerlei Übereinkommen eingehen könnten. Andere stimmten für ein
Entgegenkommen oder die Abschwächung einiger ihrer Glaubensregeln und
verbanden sich mit denen, die das Christentum teilweise angenommen
hatten, indem sie geltend machten, es möchte jenen zur vollständigen
Bekehrung dienen. Dies war für die treuen Nachfolger Christi eine Zeit
großer Angst. Unter dem Deckmantel eines scheinbaren Christentums wußte
Satan sich in die Gemeinde einzuschleichen, um ihren Glauben zu
verfälschen und die Gemüter vom Worte der Wahrheit abzulenken.
Der
größte Teil der Christen war bereit, von ihrer erhöhten Stufe
hinabzusteigen, und eine Vereinigung zwischen dem Christentum und dem
Heidentum kam zustande. Obwohl die Götzendiener vorgaben, bekehrt zu
sein, und sich der Gemeinde anschlossen, hielten sie doch noch am
Götzendienste fest und verwandelten nur den Gegenstand ihrer Anbetung.
Ungesunde Lehren, abergläubische Gebräuche und abgöttische Zeremonien
wurden ihrem Glauben und ihrem Gottesdienste einverleibt. Als die
Nachfolger Christi sich mit den Götzendienern verbanden, wurde die
christliche Gemeinde verderbt, und ihre Reinheit und Kraft gingen
verloren. Immerhin gab es etliche, die durch diese Täuschungen nicht
irregeleitet wurden, die dem Fürsten der Wahrheit ihre Treue bewahrten
und Gott allein anbeteten.
Unter
den bekenntlichen Nachfolgern Christi hat es jederzeit zwei Klassen
gegeben. Während die eine das Leben des Heilandes erforscht und sich
ernstlich bemüht, jeglichen Fehler an sich zu verbessern und ihrem
Vorbilde ähnlich zu werden, scheut die andere die klaren, praktischen
Wahrheiten, die ihre Irrtümer bloßstellen. Selbst in ihrem besten
Zustand bestand die Gemeinde nicht nur aus wahren, reinen und
aufrichtigen Seelen. Unser Heiland lehrte, daß die, welche sich willig
der Sünde hingeben, nicht in die Gemeinde aufgenommen werden sollen;
dennoch verband er Männer von fehlerhaftem Charakter mit sich und
gewährte ihnen die Vorteile seiner Lehren und seines Beispiels, damit
sie Gelegenheit hätten, ihre Fehler zu sehen und zu verbessern. Unter
den zwölf Aposteln war ein Verräter. Judas wurde nicht um seiner
Charakterfehler willen, sondern ungeachtet derselben aufgenommen. Er
wurde den Jüngern zugezählt, damit er durch die Unterweisungen und das
Beispiel Christi lerne, worin ein christlicher Charakter besteht, und
auf diese Weise seine Fehler erkennen, Buße tun und mit Hilfe der
göttlichen Gnade seine Seele reinigen mochte „im Gehorsam der
Wahrheit.“ Aber Judas wandelte nicht in dem Licht, das ihm so gnädig
schien; er gab der Sünde nach und forderte dadurch die Versuchungen
Satans heraus. Seine bösen Charakterzüge gewannen die Oberhand. Er ließ
sich von den Mächten der Finsternis leiten, wurde zornig, wenn seine
Fehler getadelt wurden, und gelangte auf diese Weise dahin, das
furchtbare Verbrechen des Verrats an seinem Meister zu begehen. So
hassen alle, die unter einem Bekenntnis von Gottseligkeit das Böse
lieben, diejenigen, welche ihren Frieden stören und dadurch ihre
sündhafte Laufbahn verurteilen. Bietet sich ihnen eine günstige
Gelegenheit, so werden sie, wie auch Judas tat, diejenigen verraten,
welche versucht haben, sie zu ihrem Besten zurechtzuweisen.
Die
Apostel trafen Glieder in der Gemeinde, welche vorgaben, fromm zu sein,
während sie im geheimen der Sünde huldigten. Ananias und Saphira waren
Betrüger, denn sie behaupteten, Gott ein vollständiges Opfer
darzubringen, wenn sie habsüchtigerweise einen Teil davon für sich
zurückhielten. Der Geist der Wahrheit offenbarte den Aposteln den
wirklichen Charakter dieser Scheinheiligen, und Gottes Gericht befreite
die Gemeinde von diesem Flecken, der ihre Reinheit beschmutzte. Dieser
offenbare Beweis, daß der scharfsichtige Geist Christi in der Gemeinde
war, wurde ein Schrecken für die Heuchler und Übeltäter, die nicht
lange in Verbindung mit jenen bleiben konnten, die der Handlung und
Gesinnung nach beständig Stellvertreter Christi waren; und als
Prüfungen und Verfolgungen über seine Nachfolger hereinbrachen,
wünschten nur die seine Jünger zu werden, die bereit waren, alles um
der Wahrheit willen zu verlassen. Somit blieb die Gemeinde, solange die
Verfolgung dauerte, verhältnismäßig rein. Als sie aber aufhörte und
Neubekehrte, welche weniger aufrichtig und ergeben waren, hinzugetan
wurden, öffnete sich der Weg für Satan, in der Gemeinde Fuß zu fassen.
Es
gibt aber keine Gemeinschaft zwischen dem Fürsten des Lichts und dem
Fürsten der Finsternis, mithin auch keine Vereinbarung unter ihren
Nachfolgern. Als die Christen einwilligten, sich mit Seelen zu
verbinden, die nur halb vom Heidentum bekehrt waren, betraten sie einen
Pfad, der sie weiter und weiter von der Wahrheit abführte; Satan aber
frohlockte, daß es ihm gelungen war, eine so große Zahl der Nachfolger
Christi zu täuschen. Dann übte er seine Macht in einem noch stärkeren
Grade auf die Betrogenen aus und trieb sie an, diejenigen zu verfolgen,
welche Gott treu blieben. Niemand konnte dem wahren Christenglauben so
kräftig widerstehen wie seine ehemaligen Verteidiger; und diese
abtrünnigen Christen im Verein mit ihren halb heidnischen Gefährten
zogen gegen die wesentlichsten Lehren Christi in den Kampf.
Es
bedurfte eines verzweifelten Ringens seitens der Getreuen, festzuhalten
gegen die Betrügereien und Greuel, die, von priesterlichen Gewändern
verhüllt, in die Gemeinde eingeführt wurden. Die Bibel wurde nicht mehr
als Richtschnur des Glaubens angenommen. Die Lehre von wahrer
Religionsfreiheit wurde als Ketzerei gebrandmarkt, und ihre Verteidiger
wurden gehaßt und geächtet.
Nach
langem und schwerem Kampfe entschlossen sich die wenigen Getreuen, jede
Gemeinschaft mit der abtrünnigen Kirche aufzuheben, falls diese sich
beharrlich weigere, dem Irrtum und dem Götzendienst zu entsagen. Sie
erkannten, daß Trennung eine unbedingte Notwendigkeit war, wenn sie
selbst dem Worte Gottes gehorchen wollten. Sie wagten weder Irrtümer zu
dulden, die für ihre eigenen Seelen gefährlich waren, noch ein Vorbild
zu lassen, das den Glauben ihrer Kinder und Kindeskinder gefährden
würde. Um Frieden und Einheit zu wahren, standen sie bereit,
irgendwelche mit ihrer Gottestreue vereinbarte Zugeständnisse zu
machen; sie fühlten aber, daß selbst der Friede unter Aufopferung ihrer
Grundsätze zu teuer erkauft sei. Konnte Einigkeit nur dadurch gesichert
werden, daß Wahrheit und Rechtschaffenheit aufs Spiel gesetzt würden,
dann mochte lieber Spaltung, ja selbst Krieg kommen.
Es
würde für die Gemeinde und die Welt gut sein, wenn die Grundsätze,
welche jene standhaften Seelen zum Handeln bewogen, im Herzen des
bekenntlichen Volkes Gottes wiederbelebt würden. Es herrscht eine
beunruhigende Gleichgültigkeit bezüglich der Lehren, welche die Pfeiler
des christlichen Glaubens sind. Die Meinung gewinnt die Oberhand, daß
sie nicht von großer Wichtigkeit sind. Diese Entartung stärkt die Hände
der Vertreter Satans so sehr, daß jene falschen Lehrbegriffe und
verhängnisvollen Täuschungen, in deren Bekämpfung und Bloßstellung die
Getreuen in vergangenen Zeiten ihr Leben wagten, jetzt von Tausenden
vorgeblicher Nachfolger Christi günstig betrachtet werden.
Die
ersten Christen waren in der Tat ein besonderes Volk. Ihr tadelloses
Betragen und ihr unwandelbarer Glaube war ein beständiger Vorwurf, der
die Ruhe der Sünder störte. Obwohl gering an Zahl, ohne Reichtümer,
Stellung oder Ehrentitel, waren sie überall, wo ihr Charakter und ihre
Lehren bekannt wurden, den Übeltätern ein Schrecken. Deshalb wurden sie
von den Gottlosen gehaßt, wie ehemals Abel von dem bösen Kain
verabscheut wurde. Derselbe Beweggrund, der Kain zu Abels Mörder
machte, veranlaßte die, welche sich vom hemmenden Einfluß des Geistes
Gottes zu befreien suchten, Gottes Kinder zu töten. Aus dem nämlichen
Grunde verwarfen und kreuzigten die Juden den Heiland; denn die
Reinheit und Heiligkeit seines Charakters war ein beständiger Vorwurf
gegen ihre Selbstsucht und Verderbtheit. Von den Tagen Christi an bis
jetzt haben seine getreuen Jünger den Haß und, den Widerspruch derer
erweckt, welche die Wege der Sünde lieben und ihnen nachgehen.
Wie
kann denn aber das Evangelium eine Botschaft des Friedens genannt
werden? Als Jesaja die Geburt des Messias vorhersagte, gab er ihm den
Titel „Friedefürst“. Als die Engel den Hirten verkündigten, daß
Christus geboren sei, sangen sie über den Ebenen Bethlehems: „Ehre sei
Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.“ (Luk. 2,14.) Es scheint ein Widerspruch zu bestehen
zwischen diesen prophetischen Aussagen und den Worten Christi: „Ich bin
nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert,“ (Matth.
10,34.) aber richtig verstanden sind beide Aussprüche in vollkommener
Übereinstimmung. Das Evangelium ist eine Botschaft des Friedens. Das
Christentum verbreitet, wenn es angenommen wird, Friede, Eintracht und
Glückseligkeit über die ganze Erde. Die Religion Christi verbindet
alle, die ihre Lehren annehmen, in inniger Brüderschaft miteinander. Es
war Jesu Werk, die Menschen mit Gott und somit auch miteinander zu
versöhnen. Aber die Welt im großen und ganzen befindet sich unter der
Herrschaft Satans, des bittersten Feindes Christi. Das Evangelium zeigt
ihr die Grundsätze des Lebens, welche vollständig im Widerspruch mit
ihren Sitten und Wünschen stehen, und gegen die sie sich empört. Sie
haßt die Reinheit, welche ihre Sünden offenbart und verurteilt, und sie
verfolgt und vernichtet alle, die ihr jene gerechten und heiligen
Ansprüche vorhalten. In diesem Sinne - weil die erhabenen Wahrheiten,
die das Evangelium bringt, Haß und Streit veranlassen -wird es ein
Schwert genannt.
Das
geheimnisvolle Wirken der Vorsehung, welche zuläßt, daß der Gerechte
von der Hand des Gottlosen Verfolgung erleidet, ist für viele, die
schwach im Glauben sind, eine Ursache großer Verlegenheiten geworden.
Einige sind sogar bereit, ihr Vertrauen auf Gott wegzuwerfen, weil er
es zuläßt, daß es den niederträchtigsten Menschen wohlergeht und die
besten und reinsten von ihrer grausamen Macht bedrängt und gequält
werden. Wie, fragt man, kann ein Gerechter und Barmherziger, der
unendlich in seiner Macht ist, solche Ungerechtigkeit und Unterdrückung
dulden? Mit einer solchen Frage haben wir nichts zu tun. Gott hat uns
genügende Beweise seiner Liebe gegeben, und wir sollen nicht an seiner
Güte zweifeln, weil wir das Wirken seiner Vorsehung nicht zu ergründen
vermögen. Der Heiland sagte zu seinen Jüngern, da er die Zweifel
voraussah, welche in den Tagen der Prüfung und der Finsternis ihre
Seelen bestürmen würden: „Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt
habe: 'Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr'. Haben sie mich
verfolgt, sie werden euch auch verfolgen.“ (Joh. 15,20.) Jesus hat mehr
gelitten für uns, als irgendeiner seiner Nachfolger von der Grausamkeit
gottloser Menschen zu leiden haben kann. Wer berufen ist, Qualen und
Märtyrertod durchzumachen, folgt nur in den Fußstapfen des teuren
Gottessohnes.
„Der
Herr verzieht nicht die Verheißung.“ (2. Petr. 3,9.) Er vergißt oder
vernachlässigt seine Kinder nicht, aber gestattet den Gottlosen, ihren
wahren Charakter zu offenbaren, auf daß keiner, der wünscht, seinen
Willen zu tun, über sie getäuscht werden möchte. Wiederum läßt er die
Gerechten durch den Feuerofen der Trübsal gehen, damit sie selbst
gereinigt werden, damit ihr Beispiel andere von der Wirklichkeit des
Glaubens und der Gottseligkeit überzeuge und ihr treuer Wandel die
Gottlosen und Ungläubigen verurteile.
Gott
läßt es zu, daß die Bösen gedeihen und ihre Feindschaft gegen ihn
bekunden, damit wenn das Maß ihrer Ungerechtigkeit voll ist, alle
Menschen in ihrem vollständigen Untergang seine Gerechtigkeit und Gnade
sehen können. Der Tag seiner Rache eilt, da allen, die sein Gesetz
übertreten und sein Volk unterdrückt haben, die gerechte Vergeltung für
ihre Taten zuteil werden wird; da jede grausame und ungerechte Handlung
gegen die Getreuen Gottes bestraft werden wird, als ob sie Christo
selbst angetan worden sei.
Es
gibt eine andere und wichtigere Frage, welche die Aufmerksamkeit der
Kirchen unserer Tage in Anspruch nehmen sollte. Der Apostel Paulus
erklärt, daß „alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen
Verfolgung leiden.“ (2. Tim. 3,12.) Wie kommt es denn, daß die
Verfolgung gewissermaßen zu schlummern scheint? Der einzige Grund ist,
daß die Kirchen sich der Welt angepaßt haben und deshalb keinen
Widerstand erwecken. Die gegenwärtig volkstümliche Religion hat nicht
den reinen und heiligen Charakter, der den christlichen Glauben in den
Tagen Christi und seiner Apostel kennzeichnete. Weil man mit der Sünde
gemeinsame Sache macht, weil man die großen Wahrheiten des Wortes
Gottes so gleichgültig betrachtet, und weil wenig wahre Gottseligkeit
in der Gemeinde herrscht, deshalb ist anscheinend das Christentum in
der Welt beliebt. Sobald ein Wiederbeleben des Glaubens und der Macht
der ersten Christengemeinden stattfindet, wird auch der Geist der
Verfolgung abermals erwachen und die Feuer der Trübsal aufs neue
schüren.
KAPITEL 3
DER ABFALL
Der
Apostel Paulus erklärte in seinem Zweiten Brief an die Thessalonicher,
daß der Tag Christi nicht kommen werde, „es sei denn, daß zuvor der
Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des
Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles,
was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel
Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott.“ Und weiter warnt
der Apostel seine Brüder: „Es regt sich bereits das Geheimnis der
Bosheit.“ (2. Thess. 2, 3.4.7). Schon zu jener frühen Zeit sah er, daß
sich Irrtümer in die Kirche schlichen, welche den Weg für die
Entwicklung des geweissagten Abfalls vorbereiteten.
Das
Geheimnis der Bosheit führte nach und nach, erst verstohlen und
stillschweigend, dann, als es an Kraft zunahm und die Herrschaft über
die Gemüter der Menschen gewann, offener sein betrügerisches und
verderbliches Werk aus. Beinahe unmerklich fanden heidnische Gebräuche
ihren Weg in die christliche Gemeinde. Zwar wurde der Geist des
Nachgebens und der Zustimmung eine Zeitlang durch die heftige
Verfolgung, welche die Gemeinde Gottes unter dem Heidentum erduldete,
zurückgehalten; als aber die Verfolgung aufhörte und das Christentum
die Höfe und Paläste der Könige betrat, vertauschte es die demütige
Einfachheit Christi und seiner Apostel mit dem Gepränge und dem Stolz
der heidnischen Priester und Herrscher und setzte an die Stelle der
Forderungen Gottes menschliche Theorien und Überlieferungen. Die
angebliche Bekehrung Konstantins, früh im vierten Jahrhundert,
verursachte große Freude, und die Welt zog, angetan mit dem Schein der
Gerechtigkeit, in die Kirche ein. Jetzt machte das Verderben schnellen
Fortschritt. Das Heidentum wurde, während es besiegt zu sein schien,
zum Sieger. Sein Geist beherrschte die Kirche. Seine Lehren, sein
Gepränge und sein Aberglaube wurden dem Glauben und der Gottesverehrung
der bekenntlichen Nachfolger Christi einverleibt.
Dieser
Ausgleich zwischen Heidentum und Christentum hatte die Entwicklung des
„Menschen der Sünde“ zur Folge, von dem die Prophezeiung voraussagte,
daß er der Widersacher sei und sich über alles, was Gott heißt,
überheben werde. Jenes riesenhafte System falscher Religion ist ein
Meisterstück der Macht Satans - ein Denkmal seiner Anstrengungen, sich
selbst auf den Thron zu setzen und die Erde nach seinem Willen zu
beherrschen.
Satan
versuchte es einmal, sich mit Christo zu einigen. Er kam zum Sohne
Gottes in der Wüste der Versuchung, zeigte ihm alle Reiche der Welt und
ihre Herrlichkeit und machte ihm das Anerbieten, alles in seine Hände
zu geben, falls er nur die Oberherrschaft des Fürsten der Finsternis
anerkennen wollte. Christus schalt den verwegenen Versucher und zwang
ihn, sich zu entfernen. Satan hat aber größeren Erfolg, wenn er mit
denselben Versuchungen an die Menschen herantritt. Um sich irdischen
Gewinn und weltliche Ehren zu sichern, wurde die Kirche dazu verleitet,
die Gunst und den Beistand der Großen dieser Erde zu suchen und indem
sie auf diese Weise das Christum verwarf, gelangte sie dahin, mit dem
Stellvertreter Satans - dem Bischof von Rom - ein Treuebündnis
einzugehen.
Es
ist eine der Hauptlehren der römischen Kirche, daß der Papst das
sichtbare Haupt der allgemeinen Kirche Christi sei, angetan mit
höchster Autorität über Bischöfe und Geistliche in allen Teilen der
Welt. Mehr als das, man hat dem Papst sogar die Titel der Gottheit
beigelegt. Er ist „der Herr Gott Papst“ (Siehe Anhang)
genannt und als unfehlbar erklärt worden. Er verlangt, daß alle
Menschen ihm Verehrung zollen. Somit werden dieselben Ansprüche, welche
Satan in der Wüste der Versuchung vorbrachte, von ihm noch durch die
Kirche von Rom gemacht, und viele sind bereit, ihm Huldigung zu
gewähren.
Diejenigen
aber, welche Gott fürchten und ihn verehren, treten dieser den Himmel
herausfordernden Anmaßung gegenüber, wie Christus den Verlockungen des
verschlagenen Feindes gegenübertrat: „Du sollst Gott deinen Herrn,
anbeten, und ihm allein dienen.“ (Luk. 4,8.) Gott hat in seinem Worte
nie einen Wink gegeben, daß er irgend einen Menschen bestimmt hat, das
Oberhaupt der Gemeinde zu sein. Die Lehre von der päpstlichen
Oberherrschaft ist den Aussprüchen der Heiligen Schrift geradezu
entgegen. Der Papst kann keine Macht haben über die Gemeinde Christi,
außer durch unrechtmäßige Aneignung.
Die
Römlinge haben darauf beharrt, die Protestanten der Ketzerei und der
eigenwilligen Trennung von der wahren Kirche zu beschuldigen. Aber
diese Anklagen lassen sich eher auf sie selber anwenden. Sie sind
diejenigen, welche das Banner Christi niederlegten und von dem Glauben
abwichen, „der einmal den Heiligen übergeben ist.“ (Judas 3.)
Satan
wußte gar wohl, daß die Heilige Schrift die Menschen befähigen würde,
seine Täuschungen zu erkennen und seiner Macht zu widerstehen; hatte
doch selbst der Heiland der Welt seinen Angriffen durch das Wort Gottes
widerstanden. Bei jedem Ansturm hielt Christus ihm den Schild der
ewigen Wahrheit entgegen und sagte: „Es steht geschrieben“. Jeder
Einflüsterung des Feindes widerstand er durch die Weisheit und Macht
des Wortes. Um die Herrschaft über die Menschen aufrechtzuerhalten und
seine Autorität zu befestigen, mußte Satan das Volk in bezug auf die
Heilige Schrift in Unwissenheit halten. Die Bibel würde Gott erheben
und den sterblichen Menschen ihre wahre Stellung anweisen; deshalb
mußten ihre heiligen Wahrheiten geheim gehalten und unterdrückt werden.
Dieser Plan wurde von der Kirche angenommen. Jahrhundertelang war die
Verbreitung der Bibel (in der Volkssprache) verboten; das Volk durfte
sie nicht lesen noch im Hause haben, und Geistliche legten ihre Lehren
zur Begründung ihrer eigenen Anmaßungen aus. Auf diese Weise wurde das
Kirchenoberhaupt beinahe allgemein anerkannt als Statthalter Gottes auf
Erden, der mit Autorität über Kirche und Staat ausgestattet worden sei.
Da
das einzig zuverlässige Mittel zur Entdeckung des Irrtums auf die Seite
geschafft worden war, wirkte Satan ganz nach Willkür. Die Prophezeiung
hatte erklärt, das Papsttum werde „sich |